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Stellungnahmen der DMLBonn e.V.


Sprecher fuer alle Muslime in Deutschland?

Stellungnahme der Deutschen Muslim-Liga Bonn e.V. zum Fuehrungsanspruch der Tuerkisch-Islamischen Union der Anstalt fuer Religion (DITIB)1


Spaetestens nach dem 11. September 2001 waren die Muslime und ihre Organisationen zunehmend in den Generalverdacht politischer Unzuverlaessigkeit geraten. Das geistigpolitische Klima war fuer sie spuerbar frostiger geworden. Auch der Staat hatte sich gegenueber den islamischen Organisationen auf repressive Massnahmen konzentriert.2 Gerade vor diesem Hintergrund faellt jedoch auf, dass der Staat seit einiger Zeit sein Verhaeltnis zu den Muslimen und ihren Verbaenden zu ueberdenken beginnt. Seit kurzem wird so nachdruecklich wie nie zuvor auch die Frage einer staatlichen Anerkennung islamischer Organisationen gestellt.

Diese neuen Ansaetze im oeffentlichen Islamdiskurs fordern auch von den Muslimen die Bereitschaft zum Ueberdenken bisheriger Positionen. Die Muslime muessen wachsam bleiben, um nachteilige Entwicklungen rechtzeitig zu verhindern. Sie sollten aber auch die Chancen erkennen, die ihnen die gewandelte Situation bietet. Es steht ausser Frage, dass sie dann am wirkungsvollsten auftreten koennen, wenn sie Geschlossenheit zeigen. In keinem Falle sollte es zu einem .Wettrennen. zwischen den einzelnen Verbaenden um die jeweils beste Ausgangsposition kommen.

Es ist ein Verdienst der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), dass sie sich in ihrer Ausgabe vom 9. Februar 2005 auf breiter Basis mit dem gesamten Themenkomplex befasst und nahezu alle wichtigen muslimischen Repraesentanten hat zu Wort kommen lassen. Es ist jedoch sehr aergerlich, dass gleich der erste Gespraechspartner der FAZ, die DITIB, die Gelegenheit genutzt hat, sich auf Kosten aller anderen muslimischen Verbaende zu profilieren. Ihre beiden Vertreter Mehmet Yildirim und Bekir Alboga haben erneut den Anspruch erhoben, die DITIB als fuehrenden Verband aller Muslime in Deutschland anzuerkennen, und diesen Anspruch mit fragwuerdigen .Argumenten., mit falschen Behauptungen, ja mit Diffamierungen zu untermauern versucht. Es schmaelert nicht die unbestreitbaren Verdienste der DITIB um die Betreuung tuerkischer Muslime, um den interreligioesen Dialog usw., wenn man feststellt, dass sie ausgerechnet in der jetzigen sensiblen Situation mit ihrem Vorpreschen weder den Muslimen, auch nicht ihren eigenen Mitgliedern, noch den staatlichen Instanzen einen guten Dienst erwiesen hat.

Zu den Behauptungen der DITIB im einzelnen:

Irrefuehrende Zahlenspiele

"Wir sind der groesste Verband, wir repraesentieren 72 Prozent der Muslime" - so die DITIB gegenueber der FAZ. Diese auf den ersten Blick imponierende Zahl erweckt einen voellig falschen Eindruck. In Deutschland leben rd. 2,4 Millionen tuerkische oder (eingebuergerte) tuerkischstaemmige Muslime; das entspricht tatsaechlich 72 Prozent aller 3,3 Millionen Muslime. Aber der uninformierte Betrachter kann nicht erkennen, dass die DITIB hier unzulaessigerweise alle Tuerken mit DITIB-Mitgliedern gleichsetzt. Gegen diese Gleichsetzung spricht zunaechst die Tatsache, dass ohnehin die Mehrheit der hier lebenden Muslime gar keiner Organisation als aktive Mitglieder angehoeren. Dagegen sprechen aber auch die immerhin nicht unbeachtlichen Mitgliederzahlen anderer tuerkisch-muslimischer Verbaende, die sich keineswegs durch die DITIB repraesentiert fuehlen. Hinzu kommt eine knappe Million nichttuerkischer Muslime. Die wirkliche Mitgliederzahl der DITIB und ihrer Moscheevereine wird im uebrigen auf insgesamt etwa 130.000 geschaetzt.

Leugnung der Naehe zum tuerkischen Staat

"Wir sind keine Auslandsorganisation des Diyanet (Religionsbehoerde), sondern ein nach dem deutschen Vereinsrecht gegruendeter Dachverband" - so die DITIB im FAZ Interview. Mit solchen Feststellungen versucht sie seit langem, gegen ihr Image eines vom tuerkischen Staat ferngesteuerten Verbandes auf deutschem Boden anzukaempfen, weil sie weiss, dass in Oeffentlichkeit und Politik gerade wegen ihrer Naehe zur tuerkischen Regierung Vorbehalte und Zweifel an ihrer Unabhaengigkeit bestehen. Tatsaechlich entspricht aber dieses Image der DITIB weitgehend der Wirklichkeit.

Die DITIB hat sich seit 1984 zum Dachverband zahlreicher Moscheevereine in Deutschland entwickelt, deren Mitglieder zugleich Mitglieder der DITIB sind. Dass sie sich als eingetragener Verein nach deutschem Recht etabliert hat, ist kein Zeichen besonderer Verbundenheit mit dem deutschen Staat, sondern die uebliche, ja fast die einzig moegliche Organisationsform fuer solche Vereinigungen. Die DITIB arbeitet - unbeschadet einer gewissen Autonomie in Einzelfragen - nach wie vor als Auslandsorganisation der tuerkischen Religionsbehoerde, die direkt dem Ministerpraesidenten unterstellt ist. Das Diyanet bezahlt alle nach Deutschland entsandten Imame und einzelne Mitarbeiter der DITIB-Zentrale in Koeln. Auch die anderen DITIB-Mitarbeiter sind, direkt oder indirekt, wenn nicht Angehoerige des Diyanet, so doch der tuerkischen Staatsverwaltung. Der Vorsitzende ist zugleich Botschaftsrat der tuerkischen Botschaft in Deutschland. Die lokal-regionale Arbeit der DITIB wird von Religionsattachés (nicht Kulturattachés) der tuerkischen Konsulate gelenkt.

Mit dieser Struktur hat sich der tuerkische Staat ein wirksames Instrument der Unterstuetzung, aber auch der (direkten und indirekten) Beaufsichtigung der Taetigkeit aller der DITIB angeschlossenen Moscheen geschaffen. So ist es auch zu erklaeren, dass das Diyanet bzw. die DITIB in ihre vorrangig religioese Arbeit stets auch tuerkisch-nationale Elemente einfliessen laesst, und dass es alle Tuerken - auch die zahlreichen deutschen Staatsbuerger unter ihnen - weiterhin als Tuerken betrachtet.3 Aehnlich wie bei den irrefuehrenden Zahlenspielen versucht die DITIB in ihrer Oeffentlichkeitsarbeit - z.B. auch in ihrem Internet-Auftritt - also auch hier beim deutschen Publikum durch Verschweigen der Wahrheit einen falschen Eindruck entstehen zu lassen.4 Ihre geistige und organisatorische Abhaengigkeit von der tuerkischen Regierung ist nach wie vor gegeben.

Diffamierung der anderen muslimischen Verbaende

Auf die Frage der FAZ, was denn dafuer spreche, gerade der DITIB eine Fuehrungsrolle zuzuerkennen, haben sich ihre Vertreter zu der Aussage hinreissen lassen: "Wir haben besondere Tugenden, die die anderen nicht nachweisen koennen". Es folgt eine Aufzaehlung von vier dieser "Tugenden":

  • Die DITIB praktiziere einen "moderaten Islam" und: "Wer sonst kann einen solchen Ansprechpartner bieten?"

  • Sie "unterstuetze intensiv" den interreligioesen Dialog. "In dieser Quantitaet und Qualitaet kann das keine andere Organisation leisten."

  • Sie unterstuetze die Integrationsarbeit.

  • Sie biete regelmaessige Deutschkurse und Hausaufgabenhilfe an.

Deshalb sei es sinnvoll, der DITIB den Status einer Koerperschaft des oeffentlichen Rechts zuzuerkennen, an dem sie dann diejenigen muslimischen Organisationen "teilnehmen lassen" werde, "die verfassungsmaessig einwandfrei arbeiten".

Diese Selbsteinschaetzung der DITIB steht auf toenernen Fuessen. Ihre Beispiele und Argumente lassen sich muehelos widerlegen und zurueckweisen:

  • Die DITIB behauptet, sie - und nur sie! - vertrete einen "moderaten Islam", worunter sie offenkundig einen Staatsislam tuerkischer, d.h. laizistisch-kemalistischer Praegung versteht. Indem sie sich selbst - offenbar mit Blick auf ihren tuerkischen Arbeitgeber - zur alleinigen Vertreterin eines .moderaten Islam. ernennt, erhofft sie sich Beifall auch vom deutschen Staat. Kein Verband und keine Organisation besitzt jedoch ein Monopol auf einen .moderaten Islam.. Es ist im uebrigen auch ein ganz unislamisches, vom Koran untersagtes Verhalten, anderen Muslimen die Berechtigung ihrer islamischen Auffassungen abzusprechen. Deshalb kommen durchaus auch andere Organisationen als Ansprechpartner fuer den Staat in Frage. Im uebrigen schafft sich die DITIB unter den Muslimen keine Freunde oder Gefolgsleute, wenn sie sich selbst das Recht anmasst, ein Guetesiegel zu verleihen, welche anderen Verbaende als .verfassungsmaessig einwandfrei. gelten und sich der DITIB deshalb anschliessen duerfen.

  • Im interreligioesen Dialog sind mehrere Verbaende und Organisationen engagiert . und zwar mindestens ebenso lange und intensiv wie die DITIB. Das gilt fuer zahlreiche Moscheevereine vor Ort, aber auch fuer ueberregionale Organisationen wie - um nur ein Beispiel zu nennen - die Deutsche Muslim-Liga Bonn, zu deren Schwerpunkten seit mehr als 50 Jahren der in ihrer Satzung festgelegte Dialog mit den anderen, besonders aber mit den abrahamischen Buchreligionen gehoert. Sicher ist es zu begruessen, dass die DITIB hier ihre bisher eher zaghaften Versuche in letzter Zeit intensiviert und in ihrer Zentrale einen eigenen Arbeitsbereich .Interreligioeser Dialog. mit mehreren hauptamtlichen Mitarbeitern eingerichtet hat. Aber nichts berechtigt die DITIB dazu, daraus sogleich einen Anspruch auf eine hoehere Qualitaet ihrer Dialogarbeit abzuleiten.

  • In den gut zwanzig Jahren ihres Bestehens hat sich die DITIB keine besondere Verdienste um die Integration der hier lebenden tuerkischen und tuerkischstaemmigen Minderheit erworben. Im Gegenteil hat sich insbesondere ihr System der kurzen Zeitvertraege mit tuerkischen Imamen, die keine Kenntnisse der deutschen Sprache und der hiesigen Gesellschaft besitzen und die wegen ihres befristeten Aufenthaltes auch ihre Familien nicht nachziehen lassen, bis heute unter dem Aspekt der Integration in die deutsche Gesellschaft eher kontraproduktiv ausgewirkt. Zwar sind erste Anzeichen einer kuenftigen besseren Vorbereitung der Imame schon in der Tuerkei zu erkennen, aber es wird lange Zeit bis zu ihrer Realisierung dauern. In keinem Falle koennen die bisher wenig erfolgreichen Integrationsbemuehungen der DITIB als "Tugend" verkauft werden, die "die andere nicht nachweisen koennen".

  • Dass sich die DITIB im Bereich der Deutschkurse und Hausaufgabenhilfe engagiert, ist zu begruessen, aber auch damit steht sie nicht allein. Ein viel wichtigerer Schritt in Richtung Integration waere es vielmehr, wenn die DITIB sich endlich und mit Nachdruck fuer einen islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache und unter Aufsicht der deutschen Kultusbehoerden einsetzen wuerde, wie es z.B. der Zentralrat der Muslime und der Islamrat seit vielen Jahren tun, die hierfuer bereits ausgearbeitete Curricula (bezogen auf das Land Nordrhein-Westfalen) vorgelegt haben. Doch die DITIB hat sich bisher - vermutlich aufgrund ihrer nicht aufgebbaren Orientierung an der Tuerkei - noch nie klar fuer einen solchen deutschsprachigen Unterricht ausgesprochen.

Fazit

In den beginnenden Diskussionen ueber das Verhaeltnis des deutschen Staates zu den Muslimen und ihren Organisationen sind, soweit irgend moeglich, weit reichender Konsens und geschlossenes Auftreten noetig - in beiderseitigem Interesse. Wenn sich jedoch eine der wichtigsten Organisationen durch Einseitigkeiten, Unwahrheiten und Diffamierung ihrer Partner gegenueber dem Staat zu profilieren versucht, muss der Konsens schon im Vorfeld scheitern. Damit disqualifiziert sich die DITIB selbst - gewiss auch in den Augen des Staates - fuer eine denkbare Fuehrungsrolle unter den muslimischen Verbaenden und Organisationen. Sie bekraeftigt damit vielmehr das von staatlicher Seite immer wieder vorgebrachte Argument, die islamischen Verbaende seien nicht faehig, sich auf eine gemeinsame Linie zu einigen. Dadurch schadet sie dem gemeinsamen islamischen Anliegen aller Verbaende und Organisationen. - Vor diesem Hintergrund ist es sehr zu bedauern - wenn es auch leider kaum anders zu erwarten war -, dass die beiden genannten DITIB-Vertreter, obwohl ausdruecklich eingeladen, dennoch an dem Spitzentreffen islamischer Organisationen am 26./27. Februar 2005 in Hamburg nicht teilgenommen haben, auf dem es um neue Strukturen fuer den Islam in Deutschland ging.

Um es abschliessend in aller Klarheit zu sagen: Die Deutsche Muslim-Liga Bonn - zu deren Mitgliedschaft zwar auch tuerkische, ueberwiegend aber Muslime anderer Herkunft gehoeren - hegt keine Vorbehalte gegen eine moegliche muslimisch-tuerkische Fuehrungsrolle bei der kuenftigen politisch-organisatorischen Repraesentanz des Islam in Deutschland, wie sie sich als Ergebnis der jetzt beginnenden Diskussionen entwickeln koennte. Die tuerkischen (und tuerkischstaemmigen) Muslime bilden immerhin die grosse Mehrheit in der muslimischen Minderheit in Deutschland. Die Deutsche Muslim-Liga Bonn haelt es aber fuer ausgeschlossen, dass eine geistig und politisch an Weisungen des tuerkischen Staates gebundene Organisation Fuehrungsaufgaben fuer alle Muslime in Deutschland uebernehmen koennte und sollte. Sie erhofft sich deshalb, dass Politik und Oeffentlichkeit die hier vorgetragenen Klarstellungen ernsthaft zur Kenntnis nehmen.

Bonn, am 4. Maerz 2005 / 23. Muharram 1426

Anmerkungen

1. Die Deutsche Muslim-Liga Bonn e.V. gibt diese Stellungnahme in eigenem Namen und ohne Abstimmung mit anderen Organisationen oder Verbaenden heraus. - DITIB ist die Kurzform der tuerkischen Fassung des Namens Diyanet Isleri Tuerk Islam Birligi.

2. Der Beispiele sind Legion: Mehrfach nacheinander verschaerfte Sicherheitsgesetze mit weitgehenden Vollmachten fuer die Behoerden (Lauschangriff, Rasterfahndung usw.), sich haeufende Razzien und Nacht-und-Nebel-Aktionen der Polizei gegen Moscheen, Gesetze gegen das Tragen von Kopftuechern (bei nur halbherziger Unterstuetzung der Muslime durch das Bundesverfassungsgericht), administrative Hindernisse bei der Umsetzung des Urteils des Bundesverfassungsgerichts zum Schaechten usw. usw.

3. Im Einzugsbereich der Konsulate wurden aus den dort ansaessigen Moscheevereinen sog. Koordinierungsraete gebildet. In der Satzung des Duesseldorfer Koordinierungsrates heisst es z.B., dass auch die Pflege nationaltuerkischer Interessen wie die Wahrung der Reformen Atatuerks ( 2 Abs. a), die Beobachtung von gegen die Tuerkei gerichteten Aktivitaeten ( 2 Abs. b) und der Schutz der nationalen Einheit und der kulturellen Werte der Tuerkei ( 2 Abs. d) zu den Aufgaben der DITIB-Moscheevereine gehoeren.

4. Schon der Name der DITIB (Diyanet Isleri Tuerk Islam Birligi) macht ihre Zugehoerigkeit zur tuerkischen Religionsbehoerde (Diyanet Isleri Baskanligi) sichtbar. Dies geht auch aus aeusseren Anzeichen hervor wie dem Anbringen von Fotos des Staatsgruenders Atatuerk in vielen DITIB-Moscheen oder in der DITIB-Zentrale in Koeln, regelmaessiger Verwendung der tuerkischen Nationalflagge bei oeffentlichen Auftritten usw.

Quellen

Thomas Lemmen: Islamische Organisationen in Deutschland. Hrsg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn 2000.
Sen, Faruk/Hayrettin Aydin: Islam in Deutschland. Muenchen 2002.
Spuler-Stegemann, Ursula: Muslime in Deutschland. Nebeneinander oder Miteinander? Freiburg/Basel/Wien 1998.
Website der DITIB: www.ditib.de
Website der Deutschen Muslim-Liga Bonn: www.muslimliga.de
Zahlreiche Presseberichte sowie Gespraeche und Beobachtungen in DITIB-Moscheen und in der DITIB-Zentrale in Koeln.



Deutsche Muslim-Liga Bonn e.V. - 1426 / 2005