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Stellungnahmen der DMLBonn e.V.


"Im Interesse des sozialen Friedens"

IZ-Gespraech mit Bashir Dultz, einem deutschen Muslim der "ersten Stunde"


Bashir Ahmad Dultz, 69 Jahre alt, ist langjaehriger Vorsitzender der Deutschen Muslim-Liga Bonn e.V. (DML Bonn), die sich vor allem im interreligioesen Dialog mit Juden und Christen engagiert. Er ist auch Vorsitzender der Christlich-Islamischen Gesellschaft (CIG) mit Sitz in Koeln und leitet die von ihm gegruendete Tariqah As-Safinah. Zusammen mit seiner Frau Chadigah Kissel betreibt er zudem einen Buchversand (www.islamica.de)

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Dultz, Sie sind bereits im Jahre 1950 Muslim geworden. Wie kam es damals zur Gruendung der Deutschen Muslim-Liga?

Bashir Dultz: Ich kam 1949 zu dem kleinen Kreis deutscher Muslime um Omar Schubert, die in Hamburg die "Islamische Gemeinde Hamburg" bildeten. Wir hatten dort dann eine Reihe von Problemen, die mit der Standortbestimmung zu tun hatten: Sind wir Muslime in Deutschland oder deutsche Muslime? Aufgrund interner Differenzen versuchten eine Reihe von uns, hauptsaechlich Juengere, eine Nachgruendung der deutschen muslimischen Gemeinde in Berlin, die dort vor dem Zweiten Weltkrieg existiert hatte und 1937 von den Nazis aufgeloest wurde. Letztlich gruendeten wir dann aber im Jahre 1950 einen neuen Verein.

Ich bin der letzte Ueberlebende der damals sieben Gruendungsmitglieder. Wir waren der erste muslimische Verein in der Bundesrepublik und waren damals sehr ruehrig, unter anderem hatten wir jugendgruppenaehnliche Aktivitaeten wie Fahrrad- und Motorradreisen und eine Art Pfadfinderuniform mit einem Halbmondabzeichen. Damals gab es in Deutschland noch so gut wie kein oeffentliches Interesse am Islam, man war eben noch sehr mit der Not der Nachkriegszeit beschaeftigt. Ich selbst ging dann schon Anfang der 50er Jahre in ein arabisches Land, wo ich bis 1983 blieb. Doch blieb ich von dort aus stets in Kontakt mit der Muslim-Liga und mit Muslimen in Deutschland. Als ich 1983 zurueckkehrte, wurde ich zum Vorsitzenden der Deutschen Muslim-Liga in Hamburg gewaehlt.

Islamische Zeitung: Wie kam es dann dazu, dass es heute zwei Organisationen gleichen Namens gibt?

Bashir Dultz: In Bonn, wo sich eine kleine Gruppe von Menschen um mich herum bildete, waren wir zu Beginn eine Ortsgruppe der Muslim-Liga Hamburg. Es stellte sich aber bald heraus, dass die Vereinsziele, die Auslegung der Satzung und die Umsetzung zwischen Hamburg und Bonn sehr weit auseinander gingen. Wir hier in Bonn waren von Anfang an sehr aktiv im abrahamischen Dialog, veranstalteten juedisch-christlich-muslimische Tagungen oder nahmen daran teil. In Hamburg konnte man dies aus verschiedenen Gruenden nicht mittragen.

Ich selbst und einige Bonner sind noch immer Mitglied in der Hamburger Muslim-Liga. Dennoch liessen wir 89 die Muslim-Liga in Bonn eintragen. So hat die Bonner Muslim-Liga in diesem Jahr ihr 15-jaehriges Bestehen und die Deutsche. Muslim-Liga entsprechend ihrer Eintragung in Hamburg 1954 ihr 50-jaehriges Bestehen. Es gab immer wieder Bestrebungen von beiden Seiten, die beiden Muslim-Ligen wieder zu vereinigen. Die Hamburger sind heute auch im Dialog aktiv, und wir sind beide Mitglied im Zentralrat der Muslime. Die Satzungen unterscheiden sich allerdings doch betraechtlich.

Islamische Zeitung Wie viele Mitglieder hat die DML Bonn, und welche Aktivitaeten entfaltet sie?

Bashir Dultz: Wir haben etwa 50 eingetragene Mitglieder. Es gab einen starken Mitgliederschwund nach dem 11. September. Die Menschen haben heute Angst, in Organisationen eingebunden zu sein; hinzu kommt die gegenwaertig unter Muslimen in Deutschland festzustellende Flucht aus der Oeffentlichkeit. Dies hat wohl mit dem staendigen an den Pranger gestellt werden zu tun.

Unser Umfeld an Freunden ist aber wesentlich groesser, da die DML Bonn eine Reihe von staendigen Konferenzen als islamische Traeger mit traegt, etwa die staendige europaeische Konferenz Juden-Christen-Muslime (JCM), die seit 30 Jahren ununterbrochen laeuft; die christlich-islamische Pfingsttagung und eine Reihe aehnlicher Veranstaltungen. Die meisten Mitglieder der DML Bonn sind auch in der christlich-Islamischen Gesellschaft (CIG) aktiv, deren Vorsitzender ich bin und die im vorletzten Jahr ihr 20-jaehriges Bestehen hatte.

Die DML Bonn ist zudem die Deutschland-Vertreterin der "United Religions Initiative" (URI), einer weltweit aktiven interreligioesen Organisation, in der Menschen aus allen Religionen zusammen arbeiten. Ich selbst bin im Europarat der URI, und unsere Stellvertretende Vorsitzende, Frau Karimah Stauch, ist ausserdem gewaehltes Mitglied im URI-Weltrat. Wir sind ueberhaupt auf vielen Tagungen und Seminaren vertreten. Obwohl wir unseren Sitz in Bonn haben, haben wir in Bonn lokal ein sehr niedriges Profil, was fuer uns nicht ganz erklaerlich ist. Von Seiten der Stadt Bonn werden die Muslime und ihre Belange leider kaum wahrgenommen.

Islamische Zeitung: Wie beurteilen Sie die Situation der Musljme in Deutschland derzeit, sowohl innermuslimisch als auch im Rahmen der Gesamtgesellscbaft?

Bashir Dultz: Der Wunsch nach mehr innermuslimischer Zusammenarbeit und mehr gemeinsamen Aktionen ist da, und wir seitens der DML Bonn versuchen dies moeglichst in alle unsere Aktivitaeten mit hineinzutragen. Es wuerde, uns freuen, und auch unsere christlichen Dialogpartner, wenn sich mehr Muslime an Begegnungen mit nichtmuslimischen Menschen beteiligen wuerden, im Interesse des sozialen Friedens in unserem Land. Was den Rueckzug aus der Oeffentlichkeit unter den Muslimen betrifft, so ist es notwendig, dass die Muslime einsehen, dass dies nicht der richtige Weg ist, den wir in unserem Lande gehen duerfen. Wir muessen zu unserer Sache und zu unseren Bemuehungen stehen, wir duerfen uns nicht freiwillig in ein Ghetto zurueckziehen.

Auch wenn es oft sehr ermuedend ist, sich immer wie der den gleichen Terrorismus-Anschuldigungen oder Nachfragen steilen zu muessen, und immer wieder wiederholen zu muessen: Wenn Leute sich Muslime nennen und solche Dinge tun, dann missbrauchen sie den Islam. Der Islam hat ganz. klare Vorschriften, die solche terroristischen Aktionen unbedingt ausschliessen. Doch dies alles wird immer verdraengt oder verschoben, sodass sich von dieser staendigen Daemonisierung des Islam letztlich jeder einzelne Muslim betroffen fuehlt. Trotzdem: Wir muessen uns dem stellen und diese terroristischen Akte verurteilen. Wir muessen aber auch darauf hinweisen duerfen, dass Terrorismus Ursachen hat und dass wirklich ernsthaft etwas getan werden muss, auch von Muslimen, damit die Ursachen ausgeraeumt werden. Man hoert staendig, dass Muslime sich angeblich in der Opferrolle wohl fuehlten - nun, ich fuehle mich in der Opferrolle durchaus nicht wohl, kann aber dieses Gefuehl, das viele Muslime haben, auch verstehen. Wenn ich schaue, was in Tschetschenien passiert, was im Balkan passierte und immer noch passiert, oder in China, in Indien, Kaschmir oder auf den Philippinen. Natuerlich muessen wir auch Palaestina dieser Liste hinzufuegen. Da fragt man sich, was eigentlich noch noetig ist, damit diese Opfer wenigstens als Opfer anerkannt werden und ernsthaft versucht wird, die Ursachen fuer Terror anzugehen.

Islamische Zeitung: In letzter Zeit ist unter engagierten Muslimen eine gewisse Enttaeuschung vorn muslimisch-christlichen Dialog zu spueren. Man hat den Eindruck, dass trotz jahrelangen Kontakten die Kirchen zumindest oeffentlich keine Solidaritaet zeigen, wenn .Muslime angegriffen werden, sodass die Frage gestellt wird: Was bringt der ganze Dialog? Wie stehen Sie dazu, und welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Bashir Dultz: Meine Erfahrungen liegen aehnlich, aber ich glaube weiter daran, dass wir es versuchen muessen, denn wir haben keine Alternative dazu, die Nichtmuslime, und damit die Kirchen und die Mehrheitsgesellschaft all gemein, davon zu ueberzeugen, dass es um unser aller Grundrechte geht und um den sozialen Frieden in unserem Land, ein gutes nebeneinander Auskommen und sich Kennen. Die Beziehungen zu den Kirchen, aber auch zu den Parteien und den Traegern des oeffentlichen Lebens sind daher wichtig. Ich halte es weiterhin fuer wichtig, sich um den Status der Koerperschaft des oeffentlichen Rechts fuer die Muslime zu bemuehen, allein schon aus dem Grund der Rechtsgleichheit. Das Problem ist, dass Muslime bisher eben nicht die gleichen Strukturen haben wie die Kirchen. Ich hoffe, dass die Kirchen und andere oeffentliche Stellen die Muslime in diesen Bemuehungen unterstuetzen. Die diesbezueglich in Oesterreich existierenden Strukturen waeren meiner Ansicht nach ein gutes Modell auch fuer Deutschland.

Zum Thema "engagierte Muslime" moechte ich noch sagen, dass gerade das Engagement der deutschstaemmigen Muslime so gering ist, dass ich mich schaeme, vor nichtdeutschen Muslimen oder Nichtmuslimen darueber zu reden.

Wenn wir unsere Situation ehrlich betrachten, so steht die Zahl der engagierten, aktiven Muslime deutscher Herkunft im Sinne von eingeschrieben Vereinsmitgliedern in allen Vereinen in Deutschland in keinem Verhaeltnis zu der Zahl der Muslime deutscher Herkunft insgesamt. Viele denken wohl, nachdem sie aus der Kirche ausgetreten und Muslime geworden sind: "Ich bin froh, dass ich gerade ausgetreten bin, ich will nicht schon wieder irgendwo eintreten." Bis diese neuen Muslime eingesehen haben, dass eine Hauptforderung des Islam Gemeinschaftsbildung ist, vergehen oft Jahre. Es ist aber zum Teil erklaerlich. Um den Schritt zum Islam zu gehen, ist fuer deutsche Menschen schon starker Individualismus notwendig, denn man stellt sich gegen seine Familie oder Herkunft oder wird dagegen aufgestellt, auch wenn man es selbst nicht will. Man wird in eine Rolle der Solidaritaet gestellt mit sehr nichtislamischen Dingen in der sogenannten islamischen Welt.

Was die Muslime nichtdeutscher Herkunft betrifft, so betrachte ich die meisten der islamischen Kulturzentren, wie sie ja auch richtig und treffend heissen, noch immer vor allem als eine Art von Heimatvereinen, wo heimatliche Sprache und Kultur gepflegt wird, wo man zusammen kommt und sich mit seinen ganz spezifischen landsmannschaftlichen Problemen hierzulande und in den Herkunftslaendern beschaeftigt. Ich bin geborener Ostpreusse und bin auch in einem Heimatverein. Solche Vereine fuer Kulturpflege und landsmannschaftliche Hilfe spielen eine grosse Rolle, die auch weiter bestehen sollte.

Aber aus ihnen heraus muss Islam in Deutschland entstehen. Und das ist noch nicht so weit, auch wenn vielleicht in diesen Vereinen heute junge Menschen an der Spitze stehen, die diese Dinge gern aendern wollen. Aber von ihnen zur Basis besteht eine breite Schere. Vielleicht wird es zu einem solchen Islam in Deutschland auch nicht kommen; vielleicht werden wir immer ein solches vielfaeltiges Spektrum haben.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Dultz, wir danken Ihnen.

Quelle: Islamische Zeitung, Mai 2004



Deutsche Muslim-Liga Bonn e.V. - 1425 / 2004