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Karimah K. Stauch

Die Teilnahme der muslimischen Frau am oeffentlichen religioesen Leben – eine Diskussion in Deutschland


In der deutschsprachigen muslimischen Frauenzeitschrift HUDA erschien im Oktober 1999 ein Artikel ueber die "Teilnahme der muslimischen Frau am oeffentlichen religioesen Leben", in dem die Autorinnen emanzipatorische Positionen vertraten. (FN 1) In der folgenden HUDA-Ausgabe im Dezember 1999 kam es darueber zu einem Meinungsaustausch, der auch fuer NichtmuslimInnen erhellend ist, da er den derzeitigen Stand der Diskussion unter Muslimat (FN 2) in Deutschland widerspiegelt. (FN 3) Zugleich macht er emanzipatorische islamische Positionen deutlich, die von Muslimen - Frauen und Maennern - genutzt werden koennen und auch tatsaechlich genutzt werden, wie etwa der Deutschen Muslim-Liga Bonn e.V. (DMLBonn).

Im folgenden sollen zunaechst die wichtigsten Aussagen des urspruenglichen Artikels zusammengefasst werden. Daran anschliessend werden Diskussionsbeitraege, die in der folgenden HUDA-Ausgabe erschienen sind, ungekuerzt wiedergegeben.

1. "Teilnahme der muslimischen Frau am oeffentlichen religioesen Leben"

Der von der HUDA-Redaktion verfasste Artikel befasst sich mit den folgenden Fragen: Koennen muslimische Frauen die Moschee besuchen? Sollen muslimische Frauen das muslimische Freitagsgebet besuchen? Koennen Frauen ein Gebet leiten? Haben Frauen einen 'Mangel an Religion'?

Zur Erklaerung sei vorweg geschickt, dass es in der muslimischen Rechtslehre (arab. fiqh) zwei Primaerquellen gibt: den Qur'an, der von MuslimInnen als unmittelbares, das heisst, als verbalinspiriertes Gotteswort verstanden wird. Daneben gibt es die Sunnah (FN 4), die ihren Niederschlag in den Ahadith (FN 5) gefunden hat.

Die Autorinnen gehen von der Tatsache aus, dass der Moscheebesuch von Frauen in vielen muslimischen Gemeinschaften nicht ueblich ist, und Frauen ihre taeglichen Gebete nicht in der Moschee, sondern zuhause verrichten. Im Qur'an findet sich keine Aussage darueber, dass der Besuch der Moschee fuer Frauen unerwuenscht ist. Vielmehr heisst es dort ueber die Moschee in Mekka, die fuer Muslime als raeumliches Zentrum ihrer Gebete sowie als Mittelpunkt der jaehrlichen Pilgerfahrt ein ausserordentlich ehrwuerdiger Ort ist, dass sie fuer "die Menschen" - also auch fuer Frauen - gemacht sei (Qur'an 22:25). Auch in den Ahadith findet sich keine Aussage, die Frauen den Moscheebesuch verbietet. Stattdessen wird ueberliefert, dass der Prophet verboten habe, "die Dienerinnen Gottes" vom Besuch der Moschee abzuhalten (Hadith-Sammlungen von Muslim und Buchari).

Zudem gibt es ein Hadith, das belegt, dass zur Zeit des Propheten Muhammad Frauen und Maenner gemeinsam in der Prophetenmoschee in Medina beteten. Dabei schlossen sich die Gebetsreihen der Frauen an die der Maenner an (Sunan Abu Dawud).

Das islamische Freitagsgebet unterscheidet sich vom sonstigen Mittagsgebet dadurch, dass es in Gemeinschaft verrichtet werden soll und eine Predigt (FN 6) in der Freitagsmoschee (FN 7) enthaelt. Dieses Gemeinschaftsgebet ist nach muslimischer Rechtsauffassung nur fuer Maenner verpflichtend, Frauen koennen stattdessen ein regulaeres Mittagsgebet verrichten. Faktisch resultiert aus dieser Erleichterung haeufig der Ausschluss der Frauen vom Freitagsgebet, insbesondere dann, wenn Raeumlichkeiten knapp sind.

Die Autorinnen zeigen demgegenueber, dass das Freitagsgebet im Qur'an allen Glaeubigen, unabhaengig von ihrem Geschlecht, nahegelegt wird. Der faktische Ausschluss der Frauen laesst sich nicht mit dem Qur'an begruenden (Qur'an 62:9). Im Qur'an heisst es an dieser Stelle: "Ihr, die ihr glaubt! Wenn am Freitag zum Gebet gerufen wird, dann wendet euch mit Eifer dem Gedenken Gottes zu und lasst das Kaufgeschaeft solange ruhen!" In der Wendung "Ihr, die ihr glaubt!" ist im Arabischen grammatikalisch der maskuline Plural verwendet, der - aehnlich wie im Franzoesischen - tatsaechlich ein gemischter Plural ist und Frauen einschliesst.

Koennen Frauen ein Gebet leiten? Dies ist eine schwierige Frage. Weitaus die Mehrzahl der MuslimInnen ist der Ansicht, dass dies nicht moeglich ist, wenn die Betgemeinschaft gemischt ist, das heisst, aus Maennern und Frauen besteht. Die Autorinnen weisen in diesem Zusammenhang jedoch auf ein Hadith hin, in dem der Prophet einer Frau, Umm Waraqa, erlaubte, die zu ihrem Haushalt gehoerenden Personen im Gebet zu leiten. Zu diesem Haushalt gehoerte mindestens ein Mann, und zwar ein Muezzin (FN 8). In einem anderen Hadith heisst es, dass jeweils diejenige Person, die den Qur'an am besten kennt, das Gemeinschaftsgebet leiten soll. Des weiteren gibt es historische Beispiele von Frauen, die das Gebet einer gemischten Gemeinschaft geleitet haben, so etwa Ghazala, die zur Zeit der Umayyaden-Dynastie (FN 9) die Armee der Charidjiten (arab. chawaridj) gegen den irakischen Tyrannen al-Hadjadj anfuehrte.

Es kommt immer wieder vor, dass Muslime behaupten, Frauen koennten nicht den gleichen Grad an spiritueller Verwirklichung erreichen wie Maenner. Als Grundlage wird ein Hadith herangezogen, das in der Sammlung von Buchari enthalten ist:

>Der Prophet sagte zu den Frauen: "Ist es nicht so, dass die menstruierende Frau nicht betet und nicht fastet?" Sie sprachen: "Doch." Er sprach: "Dies ist ein Mangel eurer Religion."<

Obwohl dieses Hadith nur selten in Zweifel gezogen wird, da die Hadith-Sammlung des Buchari hoch geachtet und wissenschaftlich anerkannt ist, heben die Autorinnen hervor, dass dieses Hadith qur'anischen Aussagen eindeutig widerspreche.

So heisst es beispielsweise im Qur'an:

"Die Froemmigkeit besteht nicht darin, dass ihr euch mit dem Gesicht nach Osten oder Westen wendet. Sie besteht vielmehr darin, dass man an Gott, den Juengsten Tag, die Engel, die Schrift und die Propheten glaubt und sein Geld - mag es noch so lieb sein - den Verwandten, den Waisen, den Armen, dem, er unterwegs ist, den Bettlern und fuer den Loskauf von Sklaven gibt, das Gebet verrichtet und die Zakat (FN 10) bezahlt. Und Froemmigkeit zeigen diejenigen, die, wenn sie eine Verpflichtung eingegangen haben, sie erfuellen, und die in Not und Ungemach und in Kriegszeiten geduldig sind. Sie sind wahrhaftig und gottesfuerchtig." (Qur'an 2:177)

An anderer Stelle steht geschrieben:

"(...) Ich (Gott) werde keine Handlung unbelohnt lassen, die einer von euch begeht, ob maennlich oder weiblich. Ihr gehoert zeuinander (...)." (Qur'an 3:195)

Glaube besteht nach diesen Aussagen nicht allein aus Beten und Fasten. Er laesst sich nicht quantitativ beschreiben. Zudem ist Gott es, der die Frau geschaffen hat, so dass sie fuer ihre physische Kondition nicht verantwortlich sein kann.

Als weiteres Argument nennen die Autorinnen die Auffassung, dass der Qur'an fuer MuslimInnen unmittelbar Gottes Wort darstellt, waehrend die ueberlieferten Traditionen menschlichen Ursprungs sind. Daraus folgern sie, dass ein Hadith, das wie das oben genannte dem Qur'an widerspricht, keine Gueltigkeit besitzen koenne.

Abschliessend ermutigen die Autorinnen alle Frauen, sich aktiv am oeffentlichen religioesen Leben zu beteiligen, da sie dazu ebenso berechtigt wie verpflichtet seien.

Im folgenden sollen ein Leserinnenbrief, mit dem eine Muslima auf den soeben paraphrasierten Artikel reagierte, sowie die Erwiderung der HUDA-Redaktion abgedruckt werden.

2. Ein Leserinnenbrief

"Liebe Schwestern, as salamu alaikum (FN 12)

(...) Es ist sicherlich wuenschenswert, wenn die Frauen mit ihren Maennern am Gemeinschaftsgebet teilnehmen. Leider ist das in vielen Moscheen hier nicht moeglich, weil gewisse Raeumlichkeiten dazu fehlen.

Wenn Ihr auf die Zeit des Propheten anspielt, wo die Frauen hinter den Maennern gebetet haben, so muss man aber auch bedenken, dass es am Anfang noch eine uebersehbare Anzahl von Glaeubigen gab. Die Sahabi (FN 13) kamen puenktlich zum Gebet, nicht wie heute. Wenn Gott schon im Qur'an andeutet, dass es fuer einen Mann besser sei, sich nur hinter einem Vorhang mit einer fremden Frau zu unterhalten, wie wohl erst dann, wenn ein maennlicher Nachzuegler sich hinter einer Frau zum Gebet anstellen muss, weil die Frauen ja auch die Reihen hinter den Maennern schliessen.

Die andere Sache ist ja auch die, dass die Maenner mit ihren Frauen nicht mehr so viel gemeinsam die Zeit verbringen koennen, wie es wuenschenswert waere. Der Mann tagsueber in der Arbeit, die Frau Teilzeitarbeit usw. Das wuerde heissen, die Frauen sollen ohne den Schutz des Mannes sich zur Moschee begeben, in unserer Zeit.

Welcher glaeubige Mann ist davon schon begeistert? Muslimische Frauen sind heute sowieso zu viel auf sich alleine gestellt, weil ja leider die Muslime der heutigen Zeit das Weltliche dem Din (FN 14) bevorzugen.

Bei all den Fragen, die im Qur'an nicht einwandfrei zu klaeren sind, ist die vorbildliche Lebensweise des Propheten heranzuziehen. Es kam eben nicht zur Zeit des Propheten oder der vier recht geleiteten Khalifen (FN 15) dazu, dass Frauen ein Gemeinschaftsgebet in der Moschee leiteten.

Das Hadith: "Das Land, das von einer Frau regiert wird, wird nie gluecklich sein" kann man auch auf andere Fuehrungspositionen fuer Frauen heranziehen.

Wir muslimischen Frauen sollten nicht versuchen, einen eigenen weiblichen Islam zu bilden. Es gibt schon genug sogenannte Muslime, die einen Islam herbeiwuenschen wollen, wie wir ihn vom Propheten her nicht kannten. Wir sollten uns nicht an ein paar Aussagen festklammern und damit eine Emanzipation herbeifuehren.

Sollten uns unsere Maenner trotz allem schlecht behandeln, so sollen sie doch nicht vergessen, dass sie eines Tages vor Gott unserem Schoepfer fuer ihr Handeln Rechenschaft ablegen muessen. Das mag fuer manche Frauen wohl ein kleiner Trost sein. Es ist aber schlimmer, wenn die Frau an der Zerstoerung der Ehe schuld sein sollte. Ich denke, doch sagen zu koennen, dass es manchmal besser ist, auf seinen Mann zu hoeren, bevor wir solche Zustaende bekommen wie die Nicht-Muslime (Scheidung, Alkoholprobleme, Dauerstreit usw.). Das ist eben die Konsequenz, wenn wir den Weg der Sunnah des Propheten Muhammad (s)(FN 16) verlassen und eine eigene Sunnah aufbauen wollen, fuer die Gott keine Ermaechtigung herabgesandt hat.

Das Freitagsgebet ist fuer die Frauen wuenschenswert, aber eben keine Pflicht. Es gibt viele Dinge, die vom Propheten anders gehandhabt wurden als es im Qur'an steht. Das Freitagsgebet hat nun mal seinen tiefen Sinn in der Aufnahme von Anweisungen und Unterweisungen. Daher genuegt es eben, wenn die maennlichen Muslime zum Freitagsgebet verpflichtet werden und nicht auch die Frauen. Dies ist schon zur Zeit des Propheten so gewesen, dass die Frauen beim Freitagsgebet (Gemeinschaftsgebet) nicht zwingend anwesend sein mussten.

Wir Frauen sollten uns unsere Stellung als Gottes Schoepfung dadurch in Erinnerung rufen, dass alle Muslime, die die Pilgerfahrt nach Mekka unternehmen, auf Grund einer Frau den Lauf (FN 17) verrichten. Die Mutter von Ismail hat Gott (t)(FN 18) so geehrt, dass Mann und Frau verpflichtet werden, an die schwere Zeit des Durstes von Hadjar zu denken. Oder die Gnade Gottes bei Maria, der Mutter Isa (FN 19). Da haben wir Muslime den Beweis, dass Gott uns nicht zu minderwertigen Geschoepfen erschaffen hat. Das soll uns aber nicht dazu verleiten, uns ueber Gottes Plan zu erheben.

Moege Gott der Retter uns leiten und moege Seine Gnade an uns Vollendung finden. Amin.

Ayse Beltz"

3. Die Antwort der HUDA-Redaktion (FN 20)

"As salamu alaikum liebe Schwester,

wir bedanken uns fuer Deine ausfuehrliche Stellungnahme und moechten nun einige Punkte dazu anmerken. Uns allen ist klar, dass nur Gott die absolute Wahrheit kennt, und so sind wir der festen Ueberzeugung, dass eine jede von uns mit ihrer guten Absicht ein kleines Steinchen im grossen Mosaik der Weisheit beitraegt, inscha'Gott (FN 21).

Denn Gott sagt uns im Qur'an

Sprich: "Waere das Meer Tinte fuer die Worte meines Herrn, wahrlich, das Meer wuerde versiegen, ehe die Worte meines Herrn zu Ende gingen, auch wenn wir noch ein Gleiches als Nachschub braechten." [18:109]

Du hast recht: es sollte niemand einen "neuen weiblichen Islam" definieren, und genauso wenig sollte ein maennlicher Islam definiert werden. Es geht darum, zu den qur'anischen Wurzeln zurueckzugehen und den Islam geschlechtsneutral zu betrachten.

Sprechen wir ueber "Gleichheit der Geschlechter", so muessen wir zwischen "Gleichartigkeit" und "Gleichwertigkeit" unterscheiden. Natuerlich sind Maenner und Frauen nicht gleichartig. Gott der Erhabene hat uns in Seiner Weisheit zu Maennern und Frauen geschaffen, damit wir uns vermehren koennen. Doch trotz der Unterschiedlichkeit sind Maenner und Frauen vor Gott gleichwertig.

Betrachten wir die Schoepfung des Menschen im Qur'an, koennen wir daraus nicht ableiten, dass Mann und Frau in Hierarchie erschaffen wurden. Vielmehr wurde zuerst der Mensch an sich geschaffen, dazu das Gegenstueck (arab. zawdj) und daraus viele Maenner und Frauen (vgl. Sure 4,1). Geschlechtlichkeit war bei der Schoepfung des Menschen zweitrangig und z.B. der beruehmte arabische Gelehrte Muhi ad-Din ibn Arabi (gest. 637 h.(FN 22)) war der Auffassung, dass sowohl Adam als auch Eva in gleichem Masse feminine und maskuline Charakteristika aufwiesen.

Auch werden im Qur'an in den meisten Faellen Mann und Frau angesprochen. Der sogenannte "maennliche" Plural ist ein gemischter Plural. Es gibt keinen rein maennlichen Plural, wie es einen rein weiblichen Plural gibt. Diese Tatsache wurde bereits mit dem Beispiel vom Schweinefleischessen in HUDA 4-99 erklaert. Nur einige wenige Ayat (Verse) lassen im Qur'an durch den Kontext darauf schliessen, dass ausschliesslich Maenner angesprochen sind. An einigen Stellen betont Gott sogar, dass die glaeubigen Maenner und die glaeubigen Frauen dieses und jenes tun sollen.

Die Vorstellung, Gott habe uns "in Hierarchie geschaffen, auf dass der Mann mit seiner Frau in Harmonie und Zufriedenheit leben kann" sollte bei vielen Nachdenklichkeit hervorrufen. Vielleicht war es von der Leserinnenbriefschreiberin gar nicht so beabsichtigt, doch die Aussagen, die aus diesem Satz abgeleitet werden koennen, sind erschreckend. Die Aussage, dass Mann und Frau in Hierarchie erschaffen wurden, wurde bereits oben widerlegt. Die Vorstellung, Hierarchie koenne zum Erfolg einer Ehe fuehren, empfinden wir als bedauerlich. Was ist mit gegenseitiger Liebe, Toleranz und Einfuehlungsvermoegen? Und hat uns Gott nicht gesagt: "... Eure Frauen sind Euch eine Bekleidung und Ihr seid ihnen eine Bekleidung..." (2:187)? Es ist irrefuehrend, wenn "Abwesenheit von Streit" mit "Harmonie und Zufriedenheit" gleichgesetzt wird. Ziel der Ehe sollte doch nicht sein, dass allein der Mann zufrieden ist, Harmonie und Zufriedenheit sollte sowohl der Mann als auch die Frau empfinden.

Gott fordert uns (Mann wie Frau) auf, Gutes zu gebieten und Schlechtes zu verwehren. Nach unserer Meinung ist es somit nicht der richtige Weg, wenn eine Frau um des lieben Friedens willen in der Ehe falsche Handlungen des Ehemanns hinnimmt. Es ist auch nicht verstaendlich, dass die Frau auch dann als Zerstoererin der Ehe angesehen wird, wenn es der Mann war, der durch seine Handlungen das Eheleben fuer die Frau unertraeglich werden liess. Viele Frauen neigen dazu, sich fuer alles schuldig zu fuehlen. Wird sie vom Mann schlecht behandelt, denkt sie, dass sie ihn provoziert habe. Als Muslimat muessen wir uns immer vor Augen fuehren, dass die biblische Vorstellung, die Frau sei an der Vertreibung aus dem Paradies schuld gewesen, im Qur'an nicht existiert. Es ist nicht im Sinne des Qur'an, dass Frauen fuer alles die Schuld zugeschoben wird!

Damit meinen wir auch, dass es nicht im Sinne des Qur'an sein kann, dass Frauen nicht an gemeinschaftlichen Gebeten in der Moschee teilnehmen sollen, weil die Brueder nicht puenktlich sein koennen. Waere es da nicht besser, die Maenner zu Puenktlichkeit zu erziehen? Wir empfinden es zudem als etwas ueberzogen, das Umfeld so gefaehrlich einzustufen, dass Frauen auch am Tag das Haus nicht ohne maennliche Begleitung verlassen duerfen. Die Aussage, dass die "gegenwaertige Zeit" so unsicher sei, finden wir bereits in Texten des abbassidischen Zeitalters. Jetzt, nach ueber 1000 Jahren waere es doch einmal an der Zeit, das Umfeld so zu gestalten, dass Frauen sich sicher auf der Strasse bewegen koennen. Leider ist oft zu beobachten, dass Frauen in den sog. muslimischen Laendern mehr Belaestigungen ausgesetzt sind als in Europa - selbst wenn sie ihren Koerper ganz bedecken. Es stellt sich daher die Frage, ob es ausreicht, Moral alleine auf die Frau abzuwaelzen.

Soll dies alles um des Lieben Friedens willen hingenommen werden? Kann eine Frau dieses Stillschweigen vor Gott verantworten? Mit welcher Aussage des Qur'an?

Und sagt der Qur'an nicht in Sure 6 von sich selbst "...es ist ein Buch, in dem Wir nichts ausgelassen haben...". Also muessen wir doch fuer alles eine Loesung im Qur'an finden koennen, oder? Ist es da nicht eine Frage, ob wir richtig mit dem Qur'an umgehen?

Ein Hadith kann ausserdem nie ueber eine qur'anische Aussage gestellt werden. Das wuerde sonst bedeuten, man stellt die Aussage eines Menschen ueber die Aussage Gottes! Wenn das, was wir als "Sunnah" bezeichnen, in manchen Punkten von einer qur'anischen Regel abwich, so hatte dies einen in dieser Zeit begruendeten Grund. Dies sollte fuer uns ein Anlass sein, uns ueber den Begriff "Sunnah" ernsthafte Gedanken zu machen. Bereits Khalif Umar wich in einigen Punkten von der Praxis des Propheten (s.a.s.)(FN 23) ab (z.B. im Steuerwesen). Befolgen der Sunnah bedeutet nicht das blosse Nachahmen der Handlungen, sondern der Methode bzw. des dahinterstehenden Rationale. Dabei moechten wir auch erwaehnen, dass der zitierte Hadith, "Niemals wird ein Land gluecklich sein, das sein Geschicke einer Frau anvertraut", ein Hadith der Kategorie Ahad ist. Das heisst, er wurde nur von einer einzigen Person ueberliefert. Dabei wurde nachgewiesen, dass dieser Rawi (Ueberlieferer) - er hiess Abu Bakra (aber nicht zu verwechseln mit dem Khalif Abu Bakr!) - in einem Prozess wegen Unzucht zusammen mit drei anderen Bruedern diesen Tatbestand bezeugte. Als Khalif Umar (r.a.)(FN 24) naehere Nachforschungen anstellte, erwies sich die Zeugenschaft als nicht standhaft, d.h. alle vier Zeugen wurden mit Peitschenhieben bestraft, und somit gelten ihre Aussagen als nicht mehr zuverlaessig.

Trotzdem wird dieses Hadith immer wieder ohne weitere Reflexion zitiert und als Rechtfertigung zur Ausgrenzung der Frau verwendet. Es sollte uns aufhorchen lassen, dass wir generell mit Ahadith sehr vorsichtig umgehen sollten, und den Sinn der Ahadith erst auf Uebereinstimmung mit dem Qur'an ueberpruefen sollten.

Dies sollte gezeigt haben, dass es nicht darum geht, eine "neue" Sunnah" zu etablieren. Doch halten wir die Vorgehensweise des Propheten (s) fuer entscheidend, nicht die daraus resultierenden Ergebnisse. So war der Prophet Muhammad (s) der erste, der den Idjtihad (eigene Suche nach einer Loesung) entwickelte, und auch einen seiner Gefaehrten, Mu'ad (Abgeordneter fuer den Jemen) ermutigte, Idjtihad zu betreiben, sofern er auf Grund von Qur'an und Sunnah kein Urteil in Angelegenheiten faellen koennte.

Zum Schluss wollen wir noch anmerken, dass wir Pauschalisierungen vermeiden sollten. Genauso wie wir Muslime es nicht moegen, wenn wir "ueber einen Kamm geschoren werden", sollten wir keine pauschalisierenden Aussagen ueber Nicht-Muslime treffen. Es ist zwar richtig, dass es in manchen nicht-muslimischen Familien Alkoholprobleme und Dauerstreit gibt, doch es gibt auch viele Familien, in denen wir Harmonie und Zuneigung vorfinden.

Damit der Qur'an seiner eigenen Aussage zufolge eine "Barmherzigkeit fuer alle Welten" (21:107) sein kann, duerfen wir ihn nicht zu einem starren Gebilde verkommen lassen, sondern muessen den Mut aufbringen, mit der besten Absicht uns "Gedanken ueber den Qur'an zu machen" (4:82), und eine Loesung darin finden.

In diesem Sinne hoffen wir auf weitere Gedanken zu diesem Thema.

As salamu alaikum
die HUDA-Redaktion

4. Abschliessende Bemerkungen

Diese Positionen hinsichtlich der Gleichwertigkeit von Frau und Mann sowie des Pluralismus der Meinungen finden auch unter Muslimen in Deutschland Anerkennung.

In der Deutschen Muslim-Liga Bonn e.V. etwa hat sich die Ueberzeugung, dass Frauen und Maenner gemeinsam die Gesellschaft gestalten sollen, in der Satzung niedergeschlagen. Darin ist verankert, dass der Vorstand paritaetisch mit Frauen und Maennern besetzt sein soll.

Frauen nehmen im Rahmen der DMLBonn aktiven Anteil am gesellschaftlichen Leben - bei Diskussionen, auf Konferenzen und im Rahmen der unterschiedlichsten Projekte. Was das religioese Leben angeht, so werden die gemeinschaftlichen Gebete von Frauen und Maennern im selben Raum verrichtet; dies entspricht der Praxis des Propheten Muhammad. In der Moschee des Propheten in Medina beteten zu seiner Zeit Frauen und Maenner ebenfalls in einem Raum. Ebenso beteiligen sich Frauen im Rahmen der DMLBonn gleichberechtigt an Rezitationen, Litaneien und dem Gotteslob.

Nach der qur'anischen Aussage "La iqraha fi-d-din" ("Kein Zwang in der Lebensweise") hat sich die Deutsche Muslim-Liga Bonn e.V. zum Ziel gesetzt, verschiedene Positionen zu religioesen und gesellschaftlichen Fragen nebeneinander gelten zu lassen. Aehnlich wie es unter juedischen Gemeinden in Europa das ganze Spektrum von konservativ bis progressiv, sephardisch, aschkenasisch usw. gibt, wird eine solche Vielfalt vielleicht auch unter Muslimen in Deutschland langfristig bestehen bleiben.

Die Aussage, "Kein Zwang in der Lebensweise", betrifft auch die Frage der Bekleidungsvorschriften fuer Frauen. Die DMLBonn vertritt die Position, dass jede Frau selbst entscheiden kann und soll, wie sie die religioesen Quellen in dieser Frage versteht. In diesem Sinne ist ein Kopftuchverbot ebenso inakzeptabel wie ein Kopftuchzwang.

Mit dieser Haltung liegt die DMLBonn auf der Linie des "Zentralrats der Muslime in Deutschland" (ZMD). In dieser Dachorganisation, zu deren Gruendungsmitgliedern die DMLBonn gehoert, sind derzeit neunzehn muslimische Verbaende tuerkischer ebenso wie arabischer, bosnischer, albanischer, iranischer und deutscher Herkunft vertreten. Auch beim ZMD wird die Ansicht vertreten, dass hinsichtlich der Ausuebung religioeser Pflichten kein Zwang geuebt werden darf.

Dass im Zentralrat seit einiger Zeit nicht nur eine Frau stellvertretende Vorsitzende ist, sondern dass es zudem auch eine Frauenbeauftragte gibt, fuehrt die DMLBonn nicht zuletzt auf ihren Einfluss in diesem Gremium zurueck.

Karimah K. Stauch (geb. 1969 in Muenchen), Muslimah, ist Diplom-Volkswirtin und studiert zur Zeit Islamwissenschaft an der Universitaet Bonn. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Muslim-Liga Bonn e.V., Vorstandsmitglied in der Christlich-Islamischen Gesellschaft e.V. (Koeln) und seit 1999 Mitglied im Beirat der deutschen Sektion der ESWTR.

Abstract

Der Beitrag dokumentiert die aktuelle Diskussion unter muslimischen Frauen in Deutschland anhand der folgenden Fragen: Koennen muslimische Frauen die Moschee besuchen? Sollen muslimische Frauen das Freitagsgebet besuchen? Koennen Frauen ein Gebet leiten? Haben Frauen einen "Mangel an Religion"? Die Darstellung macht deutlich, dass die islamischen Primaerquellen Qur'an und Sunnah herangezogen werden koennen, um emanzipatorische Positionen zu begruenden. Solche Positionen werden in Deutschland sowohl von einzelnen MuslimInnen vertreten als auch von muslimischen Verbaenden wie der Deutschen Muslim-Liga Bonn e.V.

This article documents current discussions amongst Muslim women in Germany about a number of questions: Can Muslim women visit mosques? Should they attend Friday prayers? Can a woman lead prayer? Do women "lack religion"? It shows that the Islamic scriptures, the Qur’an and the Sunnah, can be used as a basis for emancipatory positions. Such opinions are held in Germany by individual women and by Muslim societies such as the "Deutsche Muslim-Liga" in Bonn.

FN 1: HUDA - Die Rechtleitung - Islamische Frauenzeitschrift, 4-99, Oktober 1999, 13-19. Erscheinungsort der Zeitschrift ist Bonn.
FN 2: Arabisch fuer "muslimische Frauen".
FN 3: HUDA 5-99, Dezember 1999, 40-47.
FN 4: Arabisch fuer "Lebensweise", "Tradition". Es handelt sich dabei um die vorbildliche Lebensweise des Propheten Muhammad.
FN 5: Plural von arab. hadith, "Ueberlieferungen" oder "Berichte". Die Ahadith, die Erzaehlungen ueber die vorbildliche Lebensweise des Propheten, wurden schriftlich niedergelegt und etwa 200 Jahre nach dem Tod Muhammads kanonisiert.
FN 6: Die Predigt, arabisch chutba, ist Teil des Gebets; ein normales Mittagsgebet besteht aus vier Niederwerfungen (Gebetseinheiten). Wenn eine Frau statt dessen ein Freitagsgebet besucht, betet sie mit der Gemeinschaft nur zwei Niederwerfungen und hoert die Predigt an. Die Predigt ersetzt folglich zwei Niederwerfungen.
FN 7: Nicht in jeder Moschee wird ein Freitagsgebet abgehalten. Eine Freitagsmoschee (arab. djami) ist eine Moschee, in der regelmaessig ein Freitagsgebet stattfindet. In anderen Moscheen (arab. masjid) finden die fuenf taeglichen Gebete statt, die in Gemeinschaft, aber auch allein verrichtet werden koennen.
FN 8: Gebetsrufer, arab. "muazzin".
FN 9: 661 - 750 nach christlicher Zeitrechung.
FN 10: Muslimische Steuer zum sozialen Ausgleich.
FN 11: HUDA, 5-99, Dezember 1999, 40 – 42.
FN 12: "Der Friede sei auf euch".
FN 13: Arabisch fuer "Gefaehrten des Propheten Muhammad".
FN 14: Arabisch fuer "(religioeser) Lebensweg".
FN 15: Die ersten vier Khalifen (Nachfolger des Propheten Muhammad) Abu Bakr, Umar, Uthman und Ali werden von sunnitischen Muslimen als die vier rechtgeleiteten Khalifen bezeichnet.
FN 16: Abkuerzung fuer "salla'LLAHu aleihi wa sallam", zu deutsch "Gott segne ihn und schenke ihm Heil".
FN 17: Gemeint ist der Lauf zwischen den beiden Huegeln Safa und Marwa, der Teil der Pilgerfahrt nach Mekka ist. Er wird im Gedenken an Hagar, die zweite Frau Abrahams und Mutter Ismails, von allen Pilgern und Pilgerinnen durchgefuehrt.
FN 18: Abkuerzung fuer "ta´ala", das heisst "erhaben ist Er".
FN 19: Arabisch fuer Jesus, der von MuslimInnen als Prophet hoch verehrt wird.
FN 20: HUDA, 5-99, Dezember 1999, 42 – 47.
FN 21: "Inscha'ALLAH" arabische, unter Muslimen uebliche, Redewendung, die bedeutet: "wenn Gott will".
FN 22: Entsprechend 1240 n.Chr.;"h." ist die Abkuerzung fuer "hidjri", das heisst "nach der Hidschra". Der muslimische Kalender beginnt mit der Auswanderung des Propheten Muhammad von Mekka nach Medina (Hidjra) im Jahre 622 n.Chr.
FN 23: Abkuerzung fuer "salla'LLAHU ´aleihi wa sallam", d.h. "Gott segne ihn und schenke ihm Heil", verwendet nach der Nennung des Propheten Muhammad.
FN 24 Abkuerzung fuer "radia'LLAHU ´anhu", d.h. "Gott habe Wohlgefallen mit ihm".



Deutsche Muslim-Liga Bonn e.V. - 1422 / 2001