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Stellungnahmen der DMLBonn e.V.


islam.de vom 01.03.2002

Ueber interreligioesen Dialog, Muslime in Deutschland und die "Islamische Charta" des ZMD

Interview mit Schech Bashir Ahmad Dultz


Datum: 09.03.2002

Christlich Islamische Gesellschaft Region Stuttgart


Liebe Freunde der CIG Region Stuttgart,

anbei ein Interview aus "islam.de" mit Bashir Ahmad Dultz, dem Vorsitzenden der Christlich-Islamischen Gesellschaft e.V. mit Sitz in Koeln, der bereits seit Jahrzehnten sich engagiert im und fuer den Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen einsetzt. Scheich Bashir Dultz ist einer der beiden muslimischen Mitglieder in der Jury zur Auswahl der besten Modellentwuerfe fuer das Haus Abraham am 2. Juni 2002 in Filderstadt.

Viele Gruesse
Murat Aslanoglu



"Ich fuehle mich als ein Teil in der abrahamitischen Tradition stehend. Und wir drei gehoeren durch Gottes Wille miteinander verbunden, auch wenn es uns schwer fallen sollte"

Fuer diese anspruchsvolle Idee des Trialogs arbeitet der langjaehrige Praesident der Christlich-islamischen Gesellschaft (CIG) unermuedlich und beklagt gleichzeitig die zu geringe Unterstuetzung der deutschen Muslime. In diesem Jahr bekommt die CIG den Preis der "Apfelbaum"-Stiftung fuer ihre Bemuehungen im christlich-islamischen Dialog

Bashir Ahmad Dultz, Mitglied des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD) sprach mit uns ueber das juedisch-muslimische Verhaeltnis und die Auswirkungen der "Islamischen Charta" in Deutschland

Neujahrsempfang 2002 beim Bundespraesidenten Der Vorsitzende der Deutschen Muslim Liga Bonn beim Neujahrsempfang des Bundespraesidenten

Bashir Ahmad Dultz, oder auch "Ya Schechi", wie er liebevoll von den Anhaengern seiner andalusisch-sufischen Tariqah genannt wird, die vor allen Dingen die Frauen -und die Dialogarbeit mit Andersglaeubigen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit setzten, ist ein Kenner des interreligioesen Dialoges. Er ist seit 1983 fuer den deutsch-englischen Raum als Scheich ernannt. Der achtfache Familienvater und Vorsitzende der Deutschen Muslimliga Bonn, ist seit 1991 Praesident der Christlich-Islamischen Gesellschaft (CIG), die in diesem Jahr von der Stiftung "Apfelbaum" mit dem Stiftungspreis fuer die langjaehrigen Verdienste in der interreligioesen Arbeit ausgezeichnet wird. Sicherlich auch ein Verdienst des ueber den interreligioesen Kreis hinaus bekannten und vor zwei Jahren verstorbenen Geschaeftsfuehrers Klaus Schuenemann.

Schech Bashir Ahmad Dultz bei einem Vortrag im Kulturzentrum der Minoriten in Graz Bashir unterstuetzt im Beirat der Christlich-Islamischen Gesellschaft in Stuttgart das erste Abrahamitische Haus, das in Deutschland gebaut werden soll. Als Deutscher und Muslim ist er Ehrenprofessor des juedischen Leo Baeck-College in London, was er - nicht ohne ein wenig stolz zu sein - erwaehnt. Schnell wird deutlich, wo seine Vision hinauslaeuft, naemlich in seiner Arbeit das Gespraech mit den Juden und Christen in diesem Land zu suchen und zu foerdern. In der letzten Mitgliedsversammlung der CIG warb er fuer diese anspruchsvolle Idee und beklagt gleichzeitig die zu geringe Unterstuetzung der deutschen Muslime. Er hofft jedoch, fuer diese Idee die Unterstuetzung bei den vielen jungen Leute in den regionalen Christlich-Islamischen Gesellschaften zu finden und so ein deutschlandweites Netzwerk zu gruenden. Dabei will er aktiv weiter fuer die juedisch-christlichen und christlich-islamischen, wie auch juedisch-christlich-islamsichen Gesellschften werben.

islam.de sprach mit dem Gruendungsmitglied des Zentralrates:

islam.de: Sie arbeiten seit Jahrzehnten im interreligioesen Dialog. Allein in der Christlich-Islamischen Gesellschaft (CIG) sind Sie seit 1984, und Vorsitzender seit 1991. Woher nehmen Sie die Kraft, das alles zu bewerkstelligen?

Bashir: Meine Antwort als Muslim ist, dass von Allah kommt, was wir brauchen. Ich bin ueberzeugt, dass der Dialog absolut notwendig ist im Lande. Wir muessen diesen Dialog pflegen, muessen alles tun, um nicht Fremde im Lande zu bleiben. Wir haben sehr viel von den Juden in Deutschland zu lernen und dabei sehe ich auch, was die Vergangenheit gebracht hat. Aus diesem Grunde sehe ich, dass wir miteinander reden muessen, wir muessen miteinander arbeiten koennen. Wir muessen uns miteinander um die soziale Gerechtigkeit und die Entwicklung dieses Landes sorgen.

islam.de: Nach dem 11. September sprachen alle von der Veraenderung der Weltlage. Was hat sich speziell fuer den christlich-islamischen Dialog nach diesem 11. September veraendert?

Bashir: Wenn ich vom Internationalen absehe, mich auf Deutschland beschraenke, dann haben wir wohl wesentlich mehr Gespraeche als vorher. Diese Gespraeche gehen tiefer als vorher. Ich glaube, das was wir an schlimmen Dingen hoeren und erfahren, wird durch das was wir Gutes hoeren, ausgeglichen oder wettgemacht.

islam.de: Viele in der Bevoelkerung bekommen immer noch wenig mit von diesen christlich-islamischen Initiativen und Arbeiten. Was koennen dafuer tun, dass es nicht bei einem Dialog der Eliten bleibt oder zu einem solchen fuehrt?

Bashir: Ich glaube doch, dass wir selbst sehr gefordert sind, was unsere Basisarbeit innerhalb unserer muslimischen Gemeinschaften angeht. Ich glaube, dass in der Basis Bildungstand, soziales Umfeld und immer noch fehlende Sprachkenntnisse bei der ersten und zweiten Generation. Man koennte noch weitere Gruende anfuehren weshalb wir so wenig fuer die eigene Basis von dem Dialog bzw. des Aufeinanderzugehens haben vermitteln koennen.

islam.de: Ich hoere eine gewisse Enttaeuschung heraus; Sie machen das so lange und weisen immer auf den islamischen Beweggrund dieses Dialoges hin und doch engagieren sich die Muslime kaum staerker auf diesem Gebiet.

Bashir: Ich bin teilweise enttaeuscht, auch wenn ich in Hinblick auf die Geschichte und andere Laender mir Erklaerungen geben kann, warum es so langsam geht. Wenn die ganze Entwicklung so enttaeuschend ist, muss ich natuerlich sagen, dass es mir haeufig weh tut, wie langsam und schwerfaellig wir sind, die Basis oder auch Grossorganisationen zu motivieren, ein wenig offener zu werden. Beispielsweise sind wir als Deutsche Muslim Liga im Zentralrat der Muslime. Ich plaediere dafuer, dass zu jeder Delegiertenversammlung immer zwei oder drei Nichtmuslime eingeladen werden, die im Dialoggeschehen im Rahmen von Kirche, Partei, Staat oder einfach von der Gesellschaft her aktiv sind, um diesen Multiplikatoren Einblick in unsere Arbeitssituation und Bemuehungen zu geben von innen heraus.

islam.de: Welche Erwartungshaltung oder Kritik haben Sie gegenueber der "deutschen Gesellschaft", Politik aber auch den Meinungsmachern usw., was den interreligioesen Dialog angeht, weil man den Eindruck hat, dass auch diese ihn nicht wahrnehmen und stiefmuetterlich behandeln.

Bashir: Da kommen wir wieder zu unseren beruehmten Medien; sind die Medien schuld daran, oder spiegeln die Medien nur wider, was sich in der Gesellschaft tut? Nehmen wir als Beispiel das Aktuelle, die sogenannte Schaechterlaubnis: ich hatte bis vor wenigen Tagen geglaubt, dass das Schaechten jetzt in Deutschland erlaubt ist und jeder Muslim sein Schaf schlachten kann. Seit drei Tagen ist mir klar, dass es erst mal eine Ausnahmegenehmigung fuer das Opferfest der naechsten Woche ist und dass diese individuell beantragt und genehmigt werden muss mit vielen Formalitaeten und Umstaendlichkeiten, die dabei zu erfuellen sind. Durch die ganzen Schlagzeilen und Berichte der Presse hat jeder das Gefuehl in Deutschland, dass jetzt das Schaechten erlaubt ist. Die Medien waren nicht in der Lage, in der Zeit seit dem Urteil zu vermitteln, was wirklich diese Schaechterlaubnis bedeutet. Weder in den Druckmedien noch im Fernsehen sagt jemand, dass individuelle Genehmigungen beantragt werden muessen. Dann waere dieser Eindruck, dass die Scharia die deutsche Gesetzgebung uebertrumpft oder aehnliches nicht entstanden. Da muss ich sagen, die Medien haben damit sehr zu tun.

islam.de: Zurueck zum christlich-islamischen Dialog. Welche Vision haben Sie, was die christlich-islamische Dialogarbeit angeht und wie sehen Sie den Dialog mit den Juden?

Bashir: Ich habe waehrend meiner 30 Jahre in der arabischen Welt auch von dort den Dialog mehr mit den Juden gepflegt als mit den Christen, was mich politisch letztendlich in grosse Bedraengnisse gebracht hatte. Seit 1983 wieder in Deutschland, habe ich mich hauptsaechlich im juedisch-islamischen Dialog bewegt. Dass es sich spaeter ein wenig mehr zum christlich-islamischen bewegte, ist eine Entwicklung, die sich ergab, weil die Aktiven sehr wenige sind und dies immer gefordert wurde. So haben wir auch in Bendorf nun seit 15 Jahren das christlich-islamische Pfingsttreffen, woran weit ueber 100 Menschen teilnehmen. Und aehnliches haben wir mit Kontinuitaet in unserem Umfeld an vielen anderen Stellen auch erreicht. Ich fuehle mich als ein Teil in der abrahamitischen Tradition stehend. Und wir drei gehoeren durch Gottes Wille miteinander verbunden, auch wenn es uns schwer fallen sollte. Es ist nun mal so, wir sind die Ahlul-Kitab (Buchreligionen/Offenbarungsreligionen) und wir muessen Wege finden, miteinander endlich in Frieden auszukommen, so wie es uns der Koran vorgibt, naemlich im Guten miteinander wetteifern.

Islam.de: Noch eine Frage zum ZMD und seine "Islamische Charta". Was halten Sie von der Aktion jetzt anderthalb Wochen danach?

Bashir: Wir haben zusammen mit den anderen Mitgliedorganisationen an der Formulierung dieser wichtigen Erklaerung gearbeitet. Wir finden die Konsenserklaerung fuer sehr gelungen. Wir betrachten das nun veroeffentlichte Papier als ersten Schritt uns auf dem Wege in die deutsche Gesamtgesellschaft verantwortlich und verpflichtend einzufuegen; dabei wollen wir Partner in der Lebensgestaltung unseres Landes sein. Ich bin der Meinung, dass diese "Islamische Charta" Grundlage fuer Kommentare, Ergaenzungen und Erweiterungen sein kann.

Islam.de: Denken Sie da vielleicht an etwas Bestimmtes?

Bashir: Ja, ich wuerde mir wuenschen und die gilt auch fuer die DML Bonn, dass wir das Thema religionsgemischte Ehen (Vater Christ und Mutter Muslima, Anm. des Verfassers) einmal auf die Tagesordnung bringen und eine einvernehmliche Loesung finden koennten, die die Kinder dieser Eltern gebuehrend beruecksichtigt.

islam.de: Herr Dultz, wir danken Ihnen fuer das Gespräaech.



CIG Region Stuttgart

Islam.de (Zentralrat der Muslime in Deutschland)



Deutsche Muslim-Liga Bonn e.V. - 1423 / 2002