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Zentralrat verurteilt Geiselnahme der beiden franzoesischen Journalisten

Interview mit Mohammad Aman Hobohm im Deutschlandfunk

Dienstag, 31.08.2004

"Im Islam gibt es keine Entschuldigung fuer Terror und Gewalt gegen Unschuldige"

In der soeben veroeffentlichten Pressemitteilung heisst es:

"Der Zentralrat der Muslime in Deutschland ist entsetzt ueber die Geiselnahme der beiden franzoesischen Journalisten im Irak und ueber die gegen sie ausgesprochene Todesdrohung.

Im Islam gibt es keine Entschuldigung fuer Terror und Gewalt gegen Unschuldige. Wer immer solche Taten veruebt, findet im Islam keine Rechtfertigung.

Wir erklaeren uns mit dem franzoesischen Volk solidarisch und schliessen uns dem Aufruf der in Frankreich lebenden Muslime an und fordern die Geiselnehmer auf, die beiden Geiseln unverzueglich und bedingungslos freizulassen."

(Mohammad Aman Hobohm, Stellvertretender Vorsitzender des ZMD Eschweiler, 31.08.04)

Quelle: www.islam.de

 

Interview mit Mohammad Aman Hobohm im Deutschlandfunk

Durak: Diese urspruengliche Forderung der Entfuehrer, Frankreich solle das Kopftuchverbot aufheben, sonst wuerden die beiden Maenner ermordet hat viele Muslime in der Welt empoert. Fast die gesamte arabische Welt spricht sich dagegen aus (...) Ich (Elke Durak im Interview des Deutschlandfunk) moechte darueber mit Mohammad Amman Hobohm sprechen. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Herr Hobohm, mit einiger Bewunderung haben wir gehoert und gelesen, dass und wie sich die franzoesischen Muslime an die Seite aller Franzosen gestellt haben, obwohl es ja immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihnen kommt. Was denken Sie, waere Gleiches in einem deutschen Fall vorstellbar?

Hobohm: Ich glaube schon, dass das in einem solchen Fall vorstellbar waere, denn die Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime ist so, wie auch die franzoesischen Schwestern und Brueder, im Prinzip gegen jede Gewalt, also auch die gegen die franzoesischen Journalisten im Irak ausgeuebte Gewalt.

Durak: Nun ist es das eine, sich sozusagen oeffentlich gegen Gewalt auszusprechen, das andere auch etwas dagegen zu tun. Sie haben ja gestern namens des Zentralrats die Entfuehrung im Irak verurteilt und erklaert, im Islam gaebe es keine Entschuldigung fuer Terror und Gewalt gegen Unschuldige. Gibt es denn aber so etwas wie eine Bestrafung derjenigen, die es dennoch tun?

Hobohm: Ja, eine solche Bestrafung gibt es, und eine solche Bestrafung wuerde auch ausgefuehrt, wenn man denn der Taeter habhaft wuerde. Bisher ist man ja der Taeter nicht habhaft geworden, aber ich glaube, wenn es moeglich ist, die Verbrecher zu fangen, dann gibt es gar keinen anderen Weg als sie zu bestrafen.

Durak: Wird dafuer genug getan?

Hobohm: Das ist eine Frage, die ich schlecht beantworten kann. Es haengt nicht nur davon ab, ob etwas getan wird, sondern die Frage ist, ob und in welchem Umfang etwas getan werden kann. Ich moechte eigentlich eine Gegenfrage stellen: Noch sind ja die Geiselnehmer im Irak nicht einmal ausreichend bekannt und schon gar nicht ihr Aufenthaltsort. Da ist die Frage doch eigentlich rhetorisch, ob man etwas gegen sie tun kann. Wir Muslime hier in Deutschland, die sich solidarisch erklaert haben, nicht nur mit den Muslimen in Frankreich, sondern auch mit dem franzoesischen Volk und mit allen Menschen in der Welt, die guten Willens sind, wuerden wuenschen und hoffen, dass diese Verbrecher gefasst und dann auch verurteilt wuerden, denn diese Kette der Gewalt muss durchbrochen werden.

Durak: Nun wissen wir ja von den Moerdern der armen Nepalesen, die gestern im Irak brutal ermordet wurden, dass sie sich zu ihrer Tat bekannt haben ausdruecklich als Muslime, als Islamisten. Sie sind ja nun wirklich ein lebenserfahrener Mann, haben Jahre Ihres Berufslebens auch in zahlreichen Laendern dieser Welt verbracht und viele Glaubensgenossen getroffen, beobachtet, kennen gelernt. Wie erklaeren Sie sich denn diese Radikalisierung unter Muslimen im Namen des Islam?

Hobohm: Wir muessen dabei beachten, dass es sich ja bei diesen radikalen Kreisen unter den Muslimen um eine verschwindend kleine Minderheit handelt. Die Gruppen, die im Irak jetzt dieses Verbrechen begangen haben und vielleicht auch noch in Zukunft begehen werden, was ich bedauern wuerde, sind ja doch ein sehr eng umrissener Kreis. Ich kann immer nur betonen und wiederholen, dass die Mehrheit der Muslime in der ganzen Welt gegen jede Gewalt dieser Art ist.

Durak: Niemand will weder Sie noch den Zentralrat der Muslime in Deutschland fuer so etwas verantwortlich machen, und dennoch bleiben oft Fragen bei Nichtmuslimen sozusagen stehen, ob wirklich von den Muslimen, die in den jeweiligen Laendern leben, genug getan wird, weshalb oft so lange geschwiegen wird, wenn etwas passiert ist, weshalb nicht ein Aufschrei der friedliebenden Muslime durch die Welt geht und immer erst auf die Nichtmuslime gewartet wird?

Hobohm: Sie haben Recht. Auch das bedauere ich, dass vielleicht bei solchen Anlaessen nicht laut genug und nicht schnell genug reagiert wird. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass es ja leider keine Zentralinstanz gibt wie in der katholischen Kirche etwa, wo von oben herab Aktionen initiiert werden koennten, die dann auch eine Mehrheit der Muslime umfassen. Selbst hier in Deutschland haben wir ja zwei oder drei Zentralorganisationen des Islam, aber die unterschwellige Meinung, ueberhaupt die Meinung unter den Muslimen auch hier im Lande ist ganz dezidiert gegen diese Art von Gewalt.

Durak: Was ist denn mit der Zivilcourage der friedliebenden Muslime, sagen wir mal, hier in Deutschland? Wo bleibt sie?

Hobohm: Es ist nicht so sehr eine Frage der Zivilcourage als eine Frage der Organisation. Ich wuerde hoffen und wuenschen, dass wir die organisatorischen Faehigkeiten entwickelten, eine Demonstration groesseren Umfangs gegen diese Taten zu organisieren. Bei den Muslimen, wie ich eben sagte, ist ja die Ablehnung gegen diese Taten absolut vorhanden. Es fehlt an der Organisation, diese Ablehnung durch Lichterketten oder durch Massendemonstrationen wie jetzt in Frankreich auch zum Ausdruck zu bringen.

Durak: Was tun denn die Dachorganisationen, die Sie unter anderem vertreten, aber auch andere der zahlreichen muslimischen Organisationen? Gibt es da irgendwelche Bestrebungen, dies anzugehen und zu aendern?

Hobohm: Natuerlich gibt es Bestrebungen, derartige Dinge zu verurteilen und etwas dagegen zu tun. Auch da kann ich nur sagen, dass bei unseren angeschlossenen Gemeinden keinerlei Gewaltbereitschaft zu finden ist; im Gegenteil, wenn man zu Gespraechen mit den Gemeinden und mit den Vertretern der Gemeinden zusammenkommt, wird immer am gleichen Strang gezogen, jede im Namen des Islam ausgeuebte Gewalt wird verurteilt.

Durak: So etwas will Ihnen auch wirklich niemand unterstellen. Aber viele warten doch auf ein deutliches Signal. Ist denn ein Treffen in der naechsten Zeit moeglicherweise geplant?

Hobohm: Es ist ein Treffen noch innerhalb der naechsten zwei Monate geplant. Im Augenblick ist der Vorsitzende des Zentralrats Dr. Nadeem Elyas nicht im Lande, und auch zwei weitere Vorstandsmitglieder sind noch nicht wieder nach Deutschland zurueckgekehrt. Aber ich bin auch der Meinung, dass bei dieser eskalierenden Gewalt in der Tat eine demonstrative Massnahme getroffen werden muss, um eben auch den kuenftigen Verbrechern klarzumachen, dass sie sich mit ihren Taten ausserhalb der islamischen Gemeinschaft gestellt haben.

Erstveroeffentlichung Deutschlandfunk 01.09.2004

Quelle: www.dradio.de/dlf



Deutsche Muslim-Liga Bonn e.V. - 1425 / 2004