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Stellungnahmen der DMLBonn e.V.


Akademietage der Pallottiner Vallendar - Theologische Hochschule Vallendar
22. Januar 2000 / 15. Schawwal 1420

Wie Gott zur Sprache bringen und bezeugen?
Antworten von Juden, Christen und Muslimen


Tonband-Nachschrift des Stegreif-Statements von Schech Bashir Ahmad Dultz
Veroeffentlicht in der Reihe Akademie-Referate, Nr. 52, Vallendar 2000, S. 23 - 30.

Wie Gott zur Sprache bringen und bezeugen?
Die Antwort eines Muslims

  1. Klarstellungen

    As-salamu aleikum... Der Frieden und Segen Gottes sei mit Ihnen. Wa aleina. Und mit uns. Das Wort "Salam" hat die Bedeutung, die das Wort "Shalom" auch hat. Es heisst nicht nur den Frieden erbitten, sondern es ist der Wunsch um einen voll-ganzheitlichen Zustand des Heils. Und wenn wir vom Islam sprechen, oder – was dasselbe meint - von einem Muslim, so ist das ein Mensch, der sich dem Islam ergeben hat oder Gott ergeben lebt, dann sind damit an und fuer sich zwei Dinge gemeint, die ich gleich klaeren moechte, weil das immer auch missverstanden wird. Wir Muslime sprechen von Musa/Moses dem Muslim, von Isa/Jesus dem Muslim, auf ihnen allen sei der Friede. Damit meinen wir nicht, dass wir nachtraeglich alle diese grossen Propheten zu Gefolgsleuten von Muhammad – auf ihm sei der Friede – machen wollen, sondern wir meinen – und das ist der Unterschied - ein Muslim ist ein Gottergebener. Und das ist einmal das ganze Weltall, das von Gott abhaengig, somit Gott ergeben ist. Und es ist zum anderen der Nachfolger des Propheten Muhammad oder seine Gemeinde. Mit dem Wort Islam ist es auch so. Im Qur'an wird Islam die Religion Gottes genannt oder die Religion, die Gott fuer seine Menschheit gewaehlt hat. Auch damit ist wieder nicht nurder Islam in der Form gemeint, wie ihn der Prophet uns vorgelebt hat aufgrund seiner Offenbarungen, sondern die Ergebenheit in den Willen Gottes als ganzen. Im Englischen ist man dazu uebergegangen, Muslim gross und klein und auch Islam gross und klein zu schreiben, um diese Unterschiede ganz klar herauszuarbeiten.

    Vielleicht sollte ich hier als "Abt und Prior" kurz noch Folgendes sagen: Ordensgemeinschaften gibt es auch im Islam, und zwar sehr vielfaeltige, sehr lange schon. Ich beispielsweise gehoere einer an, die vor ungefaehr 900 Jahren in Andalusien entstand. Und wenn ich Schech dieser Ordensgemeinschaft bin, dann ist dieser einem Abt oder Prior in einem christlichen Kloster vergleichbar. Schech heisst einfach: Fuehrer. Das Wort Schech bedeutet von der Sprache her an und fuer sich eigentlich nur "alter Mann". Und Alter wurde gleichgesetzt mit Erfahrung und Erfahrung mit Weisheit. Und darum wurde jeder Fuehrer Schech genannt. Ein Stammeshaeuptling oder ein Buergermeister oder ein Familienoberhaupt – sie alle sind Schechs. Der alte Mann ist natuerlich auch weiterhin Schech. Als dann die islamischen Universitaeten entstanden und Professoren dort lehrten, dann sprach man von diesen Professoren auch als Schechs. Hinzukommen eben die Ordensfuehrer. Und heutzutage, seit das Oel eine so grosse Rolle spielt, koennen wir natuerlich auch von Oel-Schechs sprechen. Diese sind einfach Schechs, weil sie viel Geld haben, und darum uns fuehren oder uns fuehren wollen. Es gibt ein arabisches Sprichwort, das sagt: "Wer uns unseren Kaffee bezahlt, der ist unser Schech." Es heisst letztendlich: wer fuer uns sorgen kann, wer sich um uns kuemmern kann, der ist unser Fuehrer.



  2. Gottes Wort

    Wie Gott zur Sprache bringen? Wir Muslime glauben, dass der Qur'an in seiner arabischen Form Gottes Wort ist, durch den Engel Gibrail/Gabriel dem Propheten in arabischer Sprache in den Mund gelegt oder - wie es auch heisst – in sein Herz gepflanzt. Und dieses Gotteswort – wir sollen es rezitieren. "Iqra΄"-"rezitiere"/"lies" ist das erste Wort dieser Offenbarung, die der Prophet Muhammad erhielt. Und dieses "Rezitiere" heisst, das Wort Gottes zu rezitieren. Wenn wir den Qur'an rezitieren, dann bringen wir das Wort Gottes zur Sprache. Ich weiss nicht, ob das sprachlich sehr gut gesagt ist, denn eigentlich ist Gott viel groesser als alles, was auf dieser Erde da ist, in Buchform und auch in Isa/Jesus – auf ihm sei der Friede und Segen. Er wird im Qur'an auch Ruh'ALLAH, Geist Gottes, genannt. Aber die Muslime streiten sich auch, ob das nicht vielleicht der Engel ist, der Gottes Wort ueberbrachte oder ob das vielleicht der Heilige Geist ist. Wie dem auch sei: dieses Wort, dieses Gotteswort, ist den Schriften wohl gemeinsam. Denn es heisst im Islam auch, wir sprechen von den sogenannten "Israeliat". Damit meinen wir Ueberlieferungen oder Geschichten oder Offenbarungen aus der hebraeischen Bibel und den Evangelien, die dem Qur'an entsprechen oder nicht widersprechen. Diese Dinge sind fuer uns Muslime ebenso bindend oder verpflichtend. Muhammad selbst hat immer wieder betont - und so steht es im Qur'an auch - , dass er keine neue Religion bringt, sondern nur an das erinnert, was die ihm vorhergegangenen Propheten gebracht haben und dass der Qur'an keine neue Religion, keinen neuen "Din", keine neue Lebensform bringt, sondern nur die Bestaetigung der vorhergegangenen Religionen mit Ausnahme der Dinge, von denen Muslime glauben, dass sie in der Bibel und in den Evangelien im Laufe der Zeit veraendert, verfaelscht, verloren gegangen sein moegen.



  3. Die Namen Gottes

    Wer ist Gott? Wir werden im Qur'an aufgefordert, uns mit seinen schoenen Namen/Eigenschaften zu faerben. Wir sollen ihn bei seinen schoenen Namen anrufen und wir sollen versuchen, uns in ihnen zu faerben. Diese schoenen Namen – man hat sich im Islam angewoehnt, von 99 oder 100 Namen zu sprechen, die man aus dem Qur'an herausgeholt hat, wie "Der Ewige", "Der Allmaechtige", "Der Lebendige", "Der Barmherzige", "Der Gnaedige", "Der Koenig", "Der Strafende", "Der Lebengebende", "Der Lebennehmende" und viele andere. Dazu gehoert aber die Aussage "Allahu akbar". Allah ist groesser oder groesser als alles dies – alles, was Menschen in ihren Religionen, Formen, Wissen oder Erfahrungen sich vorstellen koennen. Allahu akbar – Gott ist letztendlich groesser. Alle unsere Bilder koennen nichts anderes als Teilaspekte sein. Es gibt die schoenen Bilder von dem Diamanten, der sich in vielen Farben bricht, oder von den Lampen, sie sind verschieden; aber das Licht ist dasselbe. Oder die Geschichte von den Blinden und dem Elefanten: jeder hat ein Stueck des Elefanten und denkt, das sei das Ganze. Wir sollen uns kein Bild von Gott machen. Es ist uns nur gestattet, uns bei diesen schoenen Namen Vorstellungen zu machen, die wir dann auch leben sollen. Wir sollen uns in ihnen – wie gesagt – faerben. Wir sollen Ihn anrufen bei diesen schoensten Namen. Es heisst im Qur'an: "Mein sind die schoensten Namen. Ruft Mich mit ihnen an. Und Ich antworte euch." Viele Muslime lesen das, rezitieren das, beten es. Aber wenn die Sufis kommen und sagen, Er antwortet, dann sagt man uns: Seid ihr Christen oder sonst etwas geworden? Und das hilft uns nicht viel, wenn wir dann sagen: hier steht es, du hast es eben gebetet, du hast es eben gesagt. Wir Sufis glauben also, dass wir Antwort von Gott bekommen, - oder einige von uns.

    Wir sollen uns kein Bild machen, und darum koennen wir uns auch nicht Gottes Ebenbild nennen. Im Qur'an sagt Gott, er hat die Menschen zum "khalifah fi-l-ard", den Khalifen auf Erden, gemacht. Das heisst soviel wie Nachfolger, Vertreter, Betreuer, Treuhaender u.ae. Es heisst dort, dass nichts in der Schoepfung den Menschen gehoert, dass ihm alles nur zur Treuhandverwaltung anvertraut ist, anvertraut ist fuer eine kurze Zeit, entsprechend der Zeituhr jedes Lebens. Und dass er wie ein guter Treuhaender damit umgehen soll, d.h. es soll keinen Schaden nehmen – das was ihm anvertraut worden ist. Wir wissen heute, dass uns Menschen dieses wohl sehr ungenuegend nur gelungen ist, wenn wir auf den Stand der Umweltverschmutzung u.ae. eingehen. Wir sind also dieser Aufgabe bis jetzt nur sehr fehlerhaft gefolgt. Und ich glaube, das kann auch erst besser werden, wenn wir diese Aufgabe als Menschheit miteinander erkennen, miteinander gemeinsam tragen koennen. Zu diesem Gemeinsam-Tragen-Koennen gehoert das gemeinsame Leben-Wollen. Und da ist die Menschheit ja auch wohl noch sehr, sehr weit entfernt von dem, was sie sein muesste, damit sich die Verhaeltnisse aendern.

    Wir Muslime sind im Jahre 1420 – wenn man es genau mit dem Gregorianischen Kalender vergleichen will, sogar noch 30 Jahre weniger, denn unser Mondjahr ist ungefaehr zehn Tage kuerzer als das gregorianische. Wir sind also im Vergleich zu unseren juedischen Cousins sehr, sehr jung. Und wenn wir uns die christliche Geschichte ansehen, da vielleicht die entsprechende Zeit. Wie sah das Christentum im Jahre 1400 christlicher Zeitrechnung aus? Wenn wir dann auf unsere sogenannte "Islamische Welt" von heute sehen, dann haben wir vielleicht eine aehnliche Situation. Wir glauben, dass Voelker – wie alles andere auch – geboren werden, wachsen, reifen und eines Tages nicht mehr da sein werden.



  4. Die Einheit des Menschengeschlechts

    Ich stehe hier und nicht nur hier, ich uebe mich im Dialog. Im Qur'an steht: "Und wenn Ich gewollt haette", so sagt Allah, "wenn Ich gewollt haette, haette Ich euch alle zu einer Nation machen koennen. Aber Ich wollte die Vielfalt, damit ihr miteinander wetteifert, im Guten euch erkennen moeget, solange bis Ihr alle zu Mir zurueckgekehrt sein werdet. Und dann werdet ihr wissen, worin ihr euch unterschieden habt." In diesem Buch steht auch, dass dieses Buch Gueltigkeit fuer alle Menschen und alle Zeiten hat. Und in diesem Buch steht drin: kein Zwang sei in der Religion. Aber das Wort "Din", das da gebraucht wird, ist mehr als nur das Wort "Religion". Es ist Lebensweise, Ethik, Lebensmoral. In dieser soll kein Zwang sein. Wenn ich also daran glaube, was in diesem Buch steht, dann bedeutet das fuer mich, dass es bis ans Ende der Tage Christen, Juden, Muslime und alle anderen Religionen geben wird. Der Glaube der Muslime und Menschen aus anderen Religionen, dass es eines Tages nur Muslime geben wird oder nur Christen – ich glaube daran nicht. Sondern ich glaube, dass Gott diese Vielfalt, wie es dort heisst, gewollt hat, damit wir einander kennenlernen moegen. Das Wort, das hier im Qur'an gebraucht wird, ist dasselbe, wie das von Mann und Frau, die sich kennenlernen sollen – naemlich sehr intensiv, auf liebevolle Art und Weise.

    Gott, so steht im Qur'an, hatte seinen ersten Bund mit uns, als wir noch ein "Block" waren – so kann man vielleicht sagen -, die Totalitaet der noch nicht erschaffenen Menschheit, die Seelen in "Blockform". So kann man dieses Bild sehen. Als er dieses Gebilde fragte: – "Bin Ich nicht euer Herr?", da antwortete die Totalitaet der Seelen: "Ja." Wir glauben, dass sich eine Reihe von Buenden dann immer wieder ergeben hat, die Ihnen aus der Bibel bekannt sind, und natuerlich ist der Bund, der mit Muhammad – auf ihm sei der Friede – geschlossen wurde, auch wieder ein Bund. Ein Bund – unabhaengig von einem bestimmten Volk, unabhaengig von einem Ort, unabhaengig von einer Nation. Ein Bund mit diesen unerschaffenen Seelen, mit der ganzen Menschheit. In diesem Bund leben heisst dem Islam nach "Ibada". Es heisst im Qur'an: "Wir sind erschaffen worden, um Gott anzubeten, ihm zu dienen." Das Wort "Anbeten" im Qur'an hat die gleiche Wurzel wie "Dienen". Was heisst das? – Im Qur'an heisst es: "Wir sollen beten und Zakat zahlen."



  5. Muslimische Froemmigkeit

    Es gibt vielerlei Gebete. Ich spreche jetzt von den fuenfmaligen Gebeten, die der Muslim jeden Tag ausfuehren soll, d.h. dem "Salat". Wann immer im Qur'an davon die Rede ist, steht im Qur'an sofort: "...und Zakat zahlen." Das Wort "Zakat" heisst "Reinigung". Und der Prophet hat gesagt: "So wie ihr euch vor dem Gebet rituell reinigt, damit es angenommen wird, so reinigt euer Vermoegen, damit es fuer euch ‚Halal‘ wird, damit es fuer euch annehmbar wird. Reinigt es, damit ihr es gebrauchen duerft." Und diese Abgabe nennt man "Zakat"; dies ist eine feste Steuer. An keiner Stelle im Qur'an wird nur von "Salat" gesprochen. Es heisst immer "salat wa zakat". Das bedeutet: beten alleine genuegt nicht, sondern tun. Man muss tun. Im Qur'an steht auch, dass Gemeinschaft notwendig ist, dass Gemeinschaft geformt werden muss. Wenn drei Muslime oder drei Menschen zusammenkommen, dann moegen sie sich einen Leiter, einen Fuehrer erwaehlen. Und in Verbindung mit dem Konzept der "Schura", der Beratung, ihr Leben gemaess den goettlichen Anleitungen, wie sie im Qur'an sind, fuehren.

    Interessant ist vielleicht noch der Aspekt des Maennlichen und des Weiblichen. Das Wort "Allah" – arabisch geschrieben – hat am Ende ein stimmloses h, und dieses h macht das Wort Allah zu einem femininen Wort. Wenn im Qur'an von Allah gesprochen wird, wird die Form "hu" gebraucht. Gott spricht von sich als "ich", "wir" und "hu", um uns klarzumachen, es gibt an und fuer sich keine feste Form. Aber wo "hu" (Er) verwendet wird, dann ist von der arabischen Sprache her klar: es sagt erst einmal noch nichts ueber das Geschlecht aus. Der haeufigste Name, den Gott fuer sich im Qur'an gebraucht – in dem "Bismillahi-r-rahmani-r-rahim" z. B. ist dieses "rahman" und "rahim" "gnaedig erbarmend". "Rahma" - Gnade, Erbarmen ist wie im Hebraeischen die Gebaermutter, wenn ich das richtig verstanden habe. Das Bild, das Gott uns gibt, wo wir am besten in Seiner Hut sind, wo wir am besten beschuetzt sind, wo fuer alles gesorgt ist, ist dieses Bild der Weiblichkeit. Wir haben diese Namen, die sich aufteilen lassen in Namen der Macht und Namen der Schoenheit. Und unter den Namen der Schoenheit sind viele weibliche. Und ich glaube, auch fuer viele Muslime ist es wichtig, sich dieser Dinge ganz bewusst zu werden. Wir sollen uns kein Bild machen. Aber in dem Wort "hu" ist natuerlich ein "er" mitgemeint, aber sprachlich vergisst man sehr leicht, dass es eben doch kein "er" ist, auch wenn wir beinahe taeglich in unseren Gebeten "Qul hu Allahu ahad..."sagen, d.h. "Sprich: Er, Gott ist ein Einziger. Nichts ist Ihm gleich. Nichts ist Ihm gleich. Er zeugt nicht, und Er wurde nicht gezeugt." Wichtig daran fuer mich, ist dieses "Nichts ist Ihm gleich". Es ist dieses "Allahu akbar": "Er ist groesser als alles, was wir uns vorstellen koennen".



  6. Stellung der Frau

    In unserem Orden geht es um diesen Dialogauftrag - damals in Andalusien wie heute. Und ging es um die Rechte der Frau – damals wie heute. Der Qur'an ist das Buch in den monotheistischen Religionen, das die Rechte der Frau sehr ernstnimmt. Aber viele Muslime haben das immer noch nicht ganz mitbekommen. Schon damals nicht: Gefolgsleute des Propheten kamen zu ihm und beschwerten sich, wie er mit seinen Frauen umgehe. Er gebe ein schlechtes Beispiel. Seitdem er so mit den Frauen umgehe, wuessten sie nicht mehr, wie sie ihre Frauen kontrollieren sollten oder zur Ordnung rufen sollten, denn diese koennten immer sagen: "Aber der Prophet macht es nicht so." Es heisst im Qur'an, dass Gott die Menschheit, uns schuf aus einer Lebenseinheit, aus einem Atom, aus einer Zelle. Sprache ist da weit offen. Und aus dieser Einheit entstand ein "Gepaartes". Und dieses Gepaarte ist Mutter und Vater von uns allen. Aus diesem Gepaarten, aus diesem Paar entstanden die Staemme und die Voelker. Menschen sind gleich durch diese Abstammung. Menschen sind gleich durch ihr Menschsein. Die Wuerde des Menschen soll nach dem Islam in der Gerechtigkeit liegen. Der Islam glaubt, dass Liebe, Verzeihen und Zusammenleben die Gerechtigkeit als Basis braucht. Der Aspekt in der islamischen Theologie, der die Rechtsgelehrten am meisten beschaeftigt hat, ist der des Rechts.



  7. Probleme der Anpassung und Integration

    Wir sind in einer Situation, die es fuer den Islam sehr schwierig macht. Seit vielleicht 200 Jahren sind der Islam und die Muslime auf der Seite der Verlierenden. Lassen Sie es mich etwas anders ausdruecken: Viele Muslime glauben, dass der Kreuzzug der Christen seit damals ununterbrochen gegen den Islam weitergeht, in Tschetschenien oder Albanien oder wo auch immer. Es hat sicherlich nichts damit zu tun (auch wenn es immer wieder Bilder gibt, die diesen Eindruck erwecken moegen), dass sich das Christentum und der Islam noch weiterhin im Kreuzzug befinden wie damals. Religioese Aspekte gibt es in allen Konflikten. Aber die Konflikte haben wohl weniger mit Religion als mit Kolonialismus, Macht, Imperialismus und Oel usw. zu tun.

    Wir sind in der westlichen Welt eine Minderheit. Ungefaehr 40 Prozent der ueber eine Milliarde Muslime lebt als Minderheit in einer Welt, die nicht zu der sogenannten "Islamischen Welt" gehoert. Ich sage ganz bewusst: sogenannte "Islamische Welt". Denn es gibt keinen islamischen Staat, wie es keinen christlichen Staat gibt. Das Problem der Minderheiten ist immer eines der Anpassung. Das ist das schwierigste der Probleme. Wenn wir unsere Situation hier in Deutschland anschauen, so sind wir ungefaehr drei Millionen Muslime. Wir muessen uns anpassen und integrieren. Aber was heisst das? Wie muessen wir uns anpassen? An wen muessen wir uns anpassen? Ich hoere mit dieser Frage auf: An wen muessen wir uns in Deutschland anpassen? An eine Gesellschaft, die areligioes erscheint, an eine Gesellschaft von modernen, schnellebigen, kapitalistischen Yuppies, an eine Gesellschaft von Arbeitslosen und Obdachlosen? Welche Gesellschaft ist denn gemeint? Ich koennte jetzt noch zwanzig Dinge auffuehren. An wen sollen wir uns anpassen? Von wem sollen wir uns integrieren lassen? Dieses Problem ist kein rein islamisches. Denn es geht christlichen Menschen in diesem Land heute auch auf vielen Gebieten so, und unseren juedischen Freunden natuerlich auch. Ob wir in diesem Lande zu einem friedlichen Zusammenleben finden - und, wie ich glaube, in dieser schnellebigen Zeit muss das sehr bald sein - , das haengt wohl davon ab, wie wir uns aneinander anpassen - wir an die nichtmuslimische Mehrheit, und die nichtmuslimische Mehrheit muss auch ihre Wahl treffen. Das wird nicht einfach sein fuer uns alle. Ich danke Ihnen sehr!

(Es referierten:
Guenther Bernd Ginzel, Juedischer Vorsitzender der Koelnischen Gesellschaft fuer christlich-juedische Zusammenarbeit;
Prof. Dr. Bernhard Neumann SAC, Ordinarius em. fuer Religionswissenschaft an der Phil.-Theol. Hochschule Vallendar;
Schech Bashir Ahmad Dultz, 1. Vorsitzender der Deutsche Muslim-Liga Bonn)



Deutsche Muslim-Liga Bonn e.V. - 1422 / 2001